Ich würde sagen, die vorliegende Special-Edition von Keoma – Melodie des Sterbens hat mal so richtig viele Extras. Du meine Güte, man hat wirklich gründlich zusammengetragen, da gibt es nichts zu Meckern. Das waren viele Interviews, hochinteressant, die habe ich mir alle vor der eigentlichen Sichtung des Films angesehen. Zwei Abende später war ich dann so weit und konnte endlich meine Erinnerung an Keoma – Melodie des Sterbens auffrischen. Dabei fielen mir drei vier Dinge auf: Franco Nero sah selten so gut in einem Western aus wie hier, die Kameraführung ist exorbitant schön, dazu dass der Film vor lauter Allegorien kaum „laufen“ kann und dass George Eastman recht hatte. Mag der Film von Enzo G. Castellari auch sorgsam und mit überraschen viel künstlerischem Anspruch inszeniert sein, am Ende fehlt dem Film das, was George Eastman noch in seiner Drehbuchfassung fest verankert hatte: Härte. Eastman beschreibt in seinem Interview die ursprüngliche Fassung – und die hatte es deftig in sich. Das war Franco Nero und Castellari wohl zu hart, sie wollten einen allegorischen Bilderbogen, der sich quer durch das Western-Genre zitiert und dabei seinen Rahmen bei Shakespeare und Leonard Cohen findet. Während Eastman die Härte zitieren wollte, mit der der Italo-Western einst sein Alleinstellungsmerkmal hatte, wollte Castellari einen wehmütigen Schlusspunkt des Genres setzen, in dem gezeigt wird, dass auch diese Western auf verschiedene Kunstformen und Vorbilder fußen, wollte sich also mit einem gewissen Anspruch aus dem Genre verabschieden. Das ist, wie ich bis heute finde, nur zu Teilen gut gelungen, wohl aber ist Keoma – Melodie des Sterbens noch immer ein Film mit großartigen Vorzügen, tollen Szenen und einer ansprechenden Inszenierung durch Enzo G. Castellari. PLAION PICTURES brachte diesen Film in einem unfassbar gut restaurierten Bild heraus, geradezu liebevoll prall gefüllt mit vielerlei Extras.

Originaltitel: Keoma
Regie: Enzo G. Castellari
Darsteller: Franco Nero, William Berger, Olga Karlatos, Joshua Sinclair, Woody Strode, Orso Maria Guerrini
Artikel von Kai Kinnert
Keoma ist ein Mann wie ein Tornado. Das Halbblut fegt er über das Land und lehrt allen das Fürchten, die Unrecht und Gewalt säen. Als Keoma in seine Heimat zurückkehrt, findet er dort nur Verwüstung vor. Eine tödliche Seuche wütet, und der skrupellose Südstaatengeneral Caldwell hat die gesamte Gegend unter seine brutale Herrschaft gebracht. Sogar Keomas eigene Stiefbrüder haben sich dem Tyrannen angeschlossen. Jetzt bleibt nur noch ein Weg. Gemeinsam mit dem ehemaligen Sklaven George nimmt Keoma den Kampf auf – gegen Willkür, Terror und seine eigene Familie.

Doch, eine fünfte Sache ist mir auch noch aufgefallen: Der Film wirkt, als hätte man für seine farbliche Restaurierung die Szenen mit dem grünen Tal in Abruzzen als Maßstab genommen. Keoma – Melodie des Sterbens wurde in Abruzzen gedreht, 90km vor Rom, und es gibt hier einige Szenen mit einem grünen Tal, dazu Berge im Hintergrund, die einfach nur wunderschön sind. Diese Aufnahmen sind so frisch und nahbar, man fühlt sich richtig vor Ort. Für mich die technisch besten Stellen der Restaurierung. Aber auch sonst ist der Film frei von Flecken, Kratzern oder gar Zittern. Optisch ist die ganze Angelegenheit fantastisch gut gelungen, Wie gesagt: Franco Nero sah selten so gut auf einem Pferd aus, wie hier. Ein wunderschönes weißes Pferd übrigens, welches Nero in seinen Interviews noch lobend erwähnt.
Da man die ursprünglich Drehbuchfassung von George Eastman als zu brutal empfand, lenkte man den Streifen ins Gewässer der Allegorien und beginnt schon mit der allerersten Einstellung bei John Ford, hier der Schwarze Falke, nur andersherum. John Wayne geht nicht davon, während der Türrahmen das Bild rahmt, sondern Franco Nero reitet „hinein“, was dann in den Szenen mit der „Hexe“ mündet, frei zitiert aus Shakespeare und sich dann zur Geschichte um drei Brüder und dem ungeliebten vierten Stiefbruder ausweitet, die eigentlich auch eine Jesus-Erzählung ist. Am Ende wollten sich alle nur der Liebe des Vaters sicher sein. In diesem groß angelegten Potpourri durch die Kulturgeschichte (Italo-Western, Jesus-Film, John Ford und Sam Peckinpah, Shakespeare und Leonard Cohen) wäre die Härte aus Eastmans Drehbuch nicht passend gewesen, insofern war es schon richtig, sich für eine klare Richtung zu entscheiden und dabei eine künstlerische Schiene zu bedienen, die man so nicht bei Castellari erwartet hätte. Das war eben genau das Ding, man kann es in den Interviews mit Castellari heraushören. So viel kulturhistorisch anspruchsvollen Boden hätte man bei Enzo G. Castellari nicht vermutet – daher bringt er ihn und er hatte großen Spaß daran. Vielleicht hätte jeder die Härte bei Castellari erwartet, die Eastman ursprünglich in den Film schrieb und ob dieser Erwartung brach Castellari dann damit. Wahrscheinlich machte er gerade deshalb Keoma – Melodie des Sterbens zu einem ganz anderen Film und konnte so innovative Akzente zum Ende des Genres setzen, als man es sonst standardmäßig von ihm erwartet hätte: Schaut her – unter all diesen schnell gedrehten Italo-Western lauerte stets eine durchdachte Qualität. Und da der Italo-Western meist auch von christlicher Symbolik durchzogen war, macht Castellari am Ende Keoma – Melodie des Sterbens auch noch zu einer Jesus-Erzählung, inklusive Auferstehung und Heilung der Kranken. Dies ist eine der starken Szenen in Keoma – Melodie des Sterbens und es ist Castellaris Händchen zu verdanken, dass die Kreuzigung und Wiederauferstehung, Liza übernimmt im Laufe des Films immer mehr die Rolle der Jungfrau Maria, nicht störend aus dem Rahmen fällt. Sam Peckinpah trifft auf Jesus, der vorher bei Shakespeare war und nun durch einen Italo-Western reitet. Klingt absurd? Nicht bei Castellari. Und nicht, wenn Franco Nero dabei auf einem Pferd sitzt.

Eine weitere Besonderheit der Inszenierung ist, dass man spürt, das es hätte auch ganz anders laufen können. Vier Söhne buhlen um die Liebe des Vaters, während drei davon leibliche Söhne sind und Keoma ein adaptiertes Halb-Blut. Rassismus und Mobbing bestimmten seine Kindheit, umso stärker bekam er die Rückendeckung durch den Vater (William Berger). Etwas weniger Neid und Missgunst unter den Brüdern und es wäre nicht zum Konflikt gekommen. Castellari suchte augenscheinlich nach etwas Menschlichkeit unter Eastmans brutalen ersten Entwurf, der mich mit seinem krassen Anfang stark an das Ende von Man Eater erinnerte, ebenfalls ein Drehbuch von George Eastman, und fand eine entsprechende Allegorie im Jesus-Aspekt der Story.
Musikalisch wurde das alles von den De Angelis-Brüdern gerahmt, die von Franco Nero den Auftrag bekamen, wie Leonard Cohen zu klingen. Ob das wirklich so gut geklappt hat, mag jeder Zuschauer für sein eigenes Ohr entscheiden, für mich war es nicht der Fall. Dafür ist die Kameraführung in Keoma – Melodie des Sterbens umso stärker. Stets gibt es drei Ebenen im Bild, dazu präzise Schwenks, eine gute Lichtsetzung, spannende Schärfeverlagerungen und eine toll gefilmte Landschaft, in die Franco Nero mit seinem weißen Pferd wunderbar passt. Keoma – Melodie des Sterbens ist definitiv in der A-Liga, was die Kameraführung angeht.

Keoma – Melodie des Sterbens ist meines Wissens auch der einzige Italo-Western, bei dem Zeitlupen mehrfach und durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Klar, hier stand Sam Peckinpah Pate und Castellari erkannte den dynamischen Effekt, den man auf der Leinwand erreicht, wenn man Zeitlupen mit Einstellungen in normaler Geschwindigkeit parallel montiert. Am Ende fehlt hier bei Castellari, anders als bei Peckinpah, etwas das Blut. Es gibt zwar eine Szene mit dem Effekt von platzenden Blutbeuteln, im Großen und Ganzen aber fällt man bei Castellari nur dramatisch vom Pferd in den Staub – oder in die große Pfütze im runtergekommenen Kaff. Gerade bei Zeitlupen, wo man dann ja doch länger auf eine Schusswunde schauen könnte, ist da nichts zu sehen. Dennoch gibt es etliche gute Actionmomente in Keoma – Melodie des Sterbens, gerade dann, als es in dem Stall zu Sache geht und das Pferd mit Reiter in Zeitlupe stürzt oder Keoma blitzschnell drei Typen abknallt. Trotz der Action ist der Film nicht hektisch erzählt worden, lässt sich sogar etwas Zeit und macht eben genau in der Sekunde deutlich, dass dem gesamten Actionkonzept vom Keoma – Melodie des Sterbens das letzte Quäntchen Härte fehlt, um auf allen Eben die abschließende Quintessenz des Genres darstellen zu können. Es ist ein bisschen so, als müsste man Django im direkten Anschluss schauen, nur um so ein wirklich abschließendes Gefühl für die große Zeit der Italo-Western zu bekommen.
Keoma ist und bleibt ein bemerkenswerter Western, trotz seiner kleineren Schwächen. Die Kameraführung ist grandios und wird nur noch von einem blendend aussehenden Franco Nero getoppt, den man so als stellvertretendes Symbolbild für das gesamte Genre nehmen könnte. Vielleicht reitet Keoma – Melodie des Sterbens heute noch immer durch die Abruzzen, wer weiß, achten Sie mal bei Ihrem nächsten Italien-Urlaub drauf. Keoma – Melodie des Sterbens war diese aufwändige Veröffentlichung wert.

Das Bild der gesichteten Blu-ray war frisch, klar, satt und sauber, so, als hätte man den Film erst letzte Woche gedreht. Der Ton ist gut. Die Extras sind informativ, die Artcards und Plakate von hoher Qualität. Die Box enthält insgesamt vier Datenträger (ein Video inkl. Unboxing von Keoma findet Ihr weiter unten).
Als Extras gibt es: Zwei Filmfassungen – Uncut & längst mögliche Deutsche Filmfassung, Audiokommentar mit den Filmexperten Troy Howarth und Eugenio Ercolani, Audiokommentar mit Regisseur Enzo G. Castellari und Journalist Waylon Wahl, Bittersweet Onions – Interview mit Guido und Maurizio De Angelis (ca. 42 Minuten), Enzo’s Squire – Interview mit Schauspieler und Stuntman Massimo Vanni (ca. 14 Minuten), The Ballad of Keoma – Interview mit Franco Nero (ca. 22 Minuten), Ashes to Ashes, Dust to Dust – Interview mit Regisseur Enzo G. Castellari (ca. 29 Minuten), Writing Keoma – Interview mit Schauspieler und Drehbuchautor Luigi Montefiori AKA George Eastman (ca. 16 Minuten), Parallel Actions – Interview mit Cutter Gianfranco Amicucci (ca. 22 Minuten), The Flying Thug – Interview mit Schauspieler und Stuntman Massimo Vanni (ca. 24 Minuten), Play as an Actor – Interview mit Schauspieler Wolfango Soldati (ca. 30 Minuten), Face to Face – Ein Treffen mit Franco Nero und Enzo G. Castellari (ca. 30 Minuten), Die Legende „Keoma“ – Interview mit dem Filmteam (ca. 37 Minuten), „Keoma“: Legends never die – Interview mit Franco Nero (ca. 10 Minuten), Trailer, Bildergalerie, Bonus-CD mit dem erweiterten Soundtrack, 36-seitiges Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen, Artcards und zwei Film-Poster.
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