Das Twisted Childhood Universe, besser bekannt unter dem Namen Poohniverse, geht in die mittlerweile fünfte Runde. Trashfans werden jubeln, während der Arthouse-Aristokrat sich die Haare vor Entsetzen rauft. Tatsächlich aber muss man der Reihe zugestehen, dass sie von Streifen zu Streifen stets ein wenig besser wurde. Während der erste Auftritt des mordenden Winnie Pooh noch unerträglich war und auch aus Bambi kein allzu schmackhafter Sonntagsbraten wurde, entpuppte sich die Peter Pan-Nummer schon beinahe als so etwas wie ein echter Film. Jetzt geht die Holzpuppe dank PLAION PICTURES hierzulande an den Start und siehe da, Pinocchio Unstrung geriet zum bisher lohnenswertesten Beitrag der Reihe. Wieso, weshalb, warum? Wer diese Kritik nicht liest, bleibt dumm.

Drehbuch & Regie: Rhys Frake-Waterfield

Darsteller: Richard Brake, Cameron Bell, Jessica Balmer, Jack Art Gray, Jude Evan Lloyd (nur Stimme), Robert Englund (nur Stimme)

Artikel von Christian Jürs

Herzlichen Glückwunsch, Du willst also nicht dumm bleiben und erfahren, warum ich Pinocchio Unstrung für den bisher besten Beitrag aus dem Poohniversum halte. Nun, zunächst einmal muss ich die Vorfreude wieder ein klein wenig herunterschrauben. Denn „der Beste“ aus einer Reihe von Rohrkrepierern zu sein, heißt noch lange nicht, dass wir mit Pinocchio: Unstrung hier einen wirklich guten Film vorliegen haben. Denn ich gebe zu bedenken, dass wir es hier mit einem Werk zu tun haben, welches aus der Feder von Winnie Pooh: Blood and Honey-Mastermind Rhys Frake-Waterfield stammt, der erneut auch den Regieposten übernahm. Ich sag mal so: Die Sache mit der Regie hat er mittlerweile deutlich besser drauf, während beim Drehbuchschreiben hier und da noch etwas Bildungs-Nachholbedarf herrscht. Kommen wir aber erstmal zur Handlung.

Der 14-jährige James (Cameron Bell) lebt seit dem Unfalltod seiner Eltern bei seinem treusorgenden Opa Geppetto (Richard Brake). Isoliert und ohne Freunde, verbringt der Junge seine Freizeit mit seinem Opa, während er in der Schule gemobbt wird. Dann aber stellt Geppetto seinem Enkel einen neuen Spielkameraden vor, Pinocchio (Stimme: Jude Evan Lloyd). Doch der ist kein gewöhnlicher Junge, sondern eine lebendige Holzpuppe. Erstaunt über das merkwürdige, halbmenschliche Wesen, dauert es nicht lange und die beiden Jungs freunden sich miteinander an. Doch James darf niemandem von der lebendigen Holzpuppe erzählen. Eines Tages nimmt er Pinocchio trotzdem in seinem Rucksack mit in die Schule. Als dieser aus seinem Versteck zwecks heimlichen Rundgangs ausbüxt, kommt es zu einem schrecklichen Unfall, den die Holzpuppe aber verschweigt.

Tief in ihm drin wächst aber der Wunsch, ebenfalls ein richtiger Junge zu werden, um mit Freunden zu spielen und zur Schule gehen zu können. Aufgestachelt von der bösartigen Grille Jiminy Cricket (Stimme: Robert Englund), beginnt Pinocchio, Menschen zu jagen und zu töten, die nach seinem Verständnis bösartig sind. Also diejenigen, die James mobben oder unfair behandeln. Um seinen Traum vom menschlichen Leben zu verwirklichen, klaut Pinocchio den frischen Leichen die Organe und pflanzt sich diese selbst ein.

Ich bin wirklich erstaunt. War Rhys Frake-Waterfields erster Poohniverse-Ausflug Winnie the Pooh: Blood and Honey noch ein schrecklicher Müllhaufen, so steigerte sich seine inszenatorische Qualität bereits bei dessen Fortsetzung Winnie the Pooh: Blood and Honey 2 merklich. Jetzt ist es ihm tatsächlich gelungen mit Pinocchio: Unstrung zwar keinen durchgehend guten, aber dafür erstaunlich unterhaltsamen Film mit viel Herzblut darin zu inszenieren. Das Drehbuch mag löchrig sein und die Figuren agieren teilweise abstrus unlogisch, auch die Schauspieler sind nicht unbedingt die talentiertesten (wobei Richard Brake über jeden Zweifel erhaben ist). Doch in Sachen Effektarbeit wurde hier kreativ Hand angelegt. Es wurde so weit wie möglich auf CGI verzichtet (wobei die Grille aus technischen Gründen aus dem Computer stammt). Gleich zu Beginn, wenn die Handlung anhand von Schattenspielen erzählt wird, kam hier Handarbeit zum Einsatz, selbst die Titeleinblendung besteht aus handgefertigten Buchstaben an Schnüren. Pinocchio selbst wurde durch absolut überzeugende animatronische Puppen zum Leben erwacht. Und der Splatter? Der ist nicht nur äußerst derbe, er ist auch weitestgehend handgemacht – und das sieht man. Dabei wird vor nichts und niemandem halt gemacht, inklusive eines kleinen, überraschenden Tabubruchs.

Splatterfans werden jubeln vor Glück, denn die FSK gab den Film, vermutlich wegen seines Augenzwinkerns, unzensiert mit Höchstwertung frei. Pinocchio: Unstrung ist ein wilder 82-minütiger Ritt für Slasher- und Splatter-Fans, inklusive vieler Anspielungen auf diverse Genre-Klassiker. Ich hatte deutlich mehr Spaß, als erwartet. Richtig schön auch die Making Of-Aufnahmen im Abspann, die einen Einblick in die aufwändige Effekte-Arbeit gewähren und zeigen, wieviel Liebe in diesem Projekt steckt.

Was bleibt noch zu sagen? Nun, Bild- und Tonqualität der vorliegenden Blu-ray sind top, die Synchronisation ebenfalls. Im Bonusbereich gibt es einen Audiokommentar, diverse Featurettes, Trailer, eine entfernte Szene, ein Making Of, eine Bildergalerie und ein Interview mit Pinocchio (!).

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