Wer sich nach deftiger Actionkost aus deutschen Landen sehnt, guckt im Bereich des Mainstreams eher in die Röhre aber wer sucht, der findet in der Regel auch. Im Low-Budget-Segment ist die Leidenschaft für handfestes Genrekino noch ungebrochen und auch wenn die Mittel stark begrenzt sind, können sich die Ergebnisse meist sehen lassen, allein schon aufgrund der zu Grunde liegenden Leidenschaft. ATOMIC EDEN (2015) von Nico Sentner ist das Paradebeispiel für diese Sorte Film und zelebriert mit Liebe zum Detail ein klassisches Belagerungs-Szenario. Für soviel Eifer gab sich sogar Fred „The Hammer“ Williamson die Ehre und auch Lorenzo Lamas schaute kurz vorbei. Nach einer limitierten Mediabook-Edition und einer Auswertung als Video on Demand, gibt es den Streifen mittlerweile auch als Einzel-DVD und -Blu-ray im Handel. Ein Blu-ray Exemplar könnt Ihr jetzt gewinnen. Näheres im Artikel.

Originaltitel: Atomic Eden

Drehbuch: Nico Sentner, Dominik Starck

Regie: Nico Sentner

Darsteller: Fred Williamson, Mike Möller, Hazuki Kato, Everett Ray Aponte, Wolfgang Riehm, Nico Sentner, Dominik Starck, Lorenzo Lamas…

Artikel von Christopher Feldmann

Nico Sentner ist ein echter Filmfan. Das merkt man sofort, wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte seines Films ATOMIC EDEN (2015) befasst. Lange dauerte es, bis der Regisseur und Drehbuchautor aus Ostdeutschland sein Projekt fertigstellen konnte. Nach mehreren Kurzfilmen und seiner Tätigkeit als Produzent für andere Low-Budget-Titel, die dem Actiongenre zuzuordnen sind, machte er sich daran, basierend auf einer eigenen Kurzgeschichte, sein Langfilmdebüt zu inszenieren. Und betrachtet man die Mitwirkenden, kann man erahnen, mit wie viel Herzblut man hier zu Werke ging, immerhin fungierte der geschätzte Dominik Starck, dessen Kino90-Podcast ich regelmäßig höre, als Drehbuchautor und Nebendarsteller. Auch Kevin Zindler, ein Freund des Hauses und Co-Host des Cine Entertainment Talk, war als Ko-Produzent an der Umsetzung beteiligt. Das sorgt direkt für ein wohliges Gefühl, und auch wenn ATOMIC EDEN selbstredend kein Meisterwerk darstellt, kann sich der, für wenig Geld gedrehte Belagerungs-Actioner durchaus sehen lassen.

Handlung:

Stoker (Fred Williamson), ein Söldner der alten Schule, erhält den Auftrag, eine geheime Fracht aus dem Untergrund von Tschernobyl zu bergen. Für diesen Job rekrutiert er ein Team der besten acht Söldner aus aller Welt. Damit sollte diese Mission eigentlich eine einfache Aufgabe sein, aber als das Team vor Ort ankommt, werden sie von unbekannten Kräften zu Hunderten in Strahlenschutzanzügen angegriffen. In einem alten Minenkomplex gefangen, irgendwo in den verstrahlten Ruinen von Tschernobyl, müssen nun die Söldner gegen eine ganze Armee kämpfen. 8 gegen 800! Ein gnadenloser Kampf um Leben und Tod entbrennt..

Einen Film wie ATOMIC EDEN zu rezensieren, ist schwierig. Nicht nur da man, gemessen am mangelnden Budget, an der vielleicht noch nicht vollkommen ausgereiften Expertise der Macher oder auch an der Tatsache, dass bekannte wie auch sympathische Namen hier vertreten sind, Abstriche in Bezug auf Qualität machen muss, man sollte eine solche Produktion auch nicht mit großen Blockbustern vergleichen, sondern sie als das betrachten, was sie auch ist, eine günstig gedrehte Action-Sause, von Fans für Fans. Wir befinden uns in einer Gesellschaft, in denen solche Ideen nicht gefördert werden. Die staatlichen Gelder gehen in der Regel an massenkompatible Stoffe, vorzugsweise Komödien und Vergangenheitsbewältigungen, sowie an Regisseure, deren Kunst-Quark sowieso niemand schaut. Würde man etwas Filmförderung springen lassen, damit jemand wie Nico Sentner mal einen etwas hochwertigeren Actionfilm drehen könnte, dann wäre die Welt ein besserer Ort, ziemlich sicher sogar.

ATOMIC EDEN ist einfach ein grundsympathisches Stück Film. Augenscheinlich scheint Sentner ein Faible für John Carpenter zu haben, bedient sich der Plot doch recht offensichtlich bei dessen Meisterwerk ASSAULT ON PRECINCT 13 (1976). Dazu gesellen sich noch Elemente des Söldnerfilms, wie etwa die gängige Zusammenstellung des Teams, welches natürlich aus den unterschiedlichsten Macho-Figuren besteht, wobei jeder sein eigenes Steckenpferd zur Geltung kommen lässt. Eine Sprengstoffexpertin, ein Messerkämpfer, ein ballernder Priester, ein Scharfschütze und auch ein Kampfsportler bereichern das Team um Söldner-Oldie Stoker. Das macht Laune und erinnert munter an die raubauzigen Videotheken-Streifen vergangener Tage, in denen schlüssige Plots eher stiefmütterlich behandelt wurden. Auch der hier vorliegende Film begeistert jetzt nicht unbedingt durch seine erstklassige Geschichte, sondern setzt mehr auf den Mix verschiedener Bausteine, die eine grobe Richtung vorgeben. Auch die Dialoge triefen vor Klischees und albernen One-Linern, was aber vermutlich auch gewollt ist. Den ein oder anderen Lacher kann man sich dabei nicht verkneifen, vor allem wenn Wolfgang Riehm in jeder Situation noch eine halbe Predigt vom Stapel lässt, meist bevor er einen Gegner über den Jordan schickt.

Man muss schon ein Faible für diese Sorte Film haben, um an ATOMIC EDEN Spaß zu haben. Unkundige Blindkäufer werden vermutlich mit Ohren schlackern aber für die ist der Streifen auch nicht gemacht. Die Zielgruppe besteht eher aus hartgesottenen Genrefans, die sich in den 1980er und 1990er Jahren sämtlichen Direct-to-Video-Schmodder zu Gemüte geführt haben, die B-Movie-Fans eben, die auch mit dem Namen Fred Williamson etwas anfangen können. Die mittlerweile 83-jährige Blaxploitation-Legende, die in zahlreichen Krachern wie BLACK CAESAR (1973), HEIßE HÖLLE HARLEM (1973), EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE (1978) oder auch Robert Rodriguez‘ Kultfilm FROM DUSK TILL DAWN (1996) zu sehen war, gibt hier den Zigarre paffenden Söldnerchef mit routinierter Coolness. Es ist schon unglaublich sympathisch, dass B-Recke Williamson für eine solche Produktion nach Deutschland kam, um sich vor die Kamera zu stellen. Das zweite prominente Gesicht ist Lorenzo Lamas, ehemaliger Star aus FALCON CREST (1981-1990) und RENEGADE (1992-1997), der in den 1990er Jahren zahlreiche Videotheken-Klopper veredelte. Allerdings beschränkt sich seine Teilnahme auf einen kleinen Gastauftritt gegen Ende des Films, aber immerhin.

Die restlichen Darsteller stehen den beiden alten Hasen aber in nichts nach. Der größte Trumpf dürfte Mike Möller sein, der wie ein Wirbelwind zahlreiche Martial-Arts-Moves aufs Parkett legt und zeigt, dass auch Deutschland potenzielle Actionstars zu bieten hat. Weitere Darsteller sind Everett Ray Aponte (der einem etwas auf die Nerven gehen kann), die hübsche Hazuki Kato und Podcaster Dominik Starck, der fast schon die beste schauspielerische Leistung an den Tag legt (Kollege, das solltest du weiter verfolgen!). Die Action ist in ihrer Güte allerdings schwankend. Die Kampfszenen sind ordentlich choreographiert und inszeniert, gerade Möller kann hier auf eine langjährige Erfahrung als Stuntman zurückgreifen. Bei den Shootouts stellt sich nach einer gewissen Laufzeit etwas Eintönigkeit ein, bleibt die Kamera doch oft statisch, anstatt wirklich mitzugehen, um dem Gezeigten etwas mehr Dynamik zu geben. Das kann natürlich den produktionstechnischen Umständen geschuldet sein, einem knappen Zeitplan oder ähnlichem, es sorgt auf Dauer trotzdem für etwas Langeweile, zumal die Schusswechsel einen großen Teil des Films für sich beanspruchen. Der Rest ist für Fans dieser Art Genrekino allerdings sehenswert.

Die DVD, die es ab sofort in den Märkten der Republik zu erwerben gibt, präsentiert den Actionstreifen in solider Bild- und Tonqualität, den stark digitalen Look muss man dabei in Kauf nehmen aber das sollte jedem klar sein. Immerhin gibt es auch ein paar nette Extras, wie zum Beispiel einen Audiokommentar des Regisseurs, Outtakes, Deleted Scenes und einen Blick hinter die Kulissen. Ein Wendecover ohne FSK-Flatschen ist ebenfalls vorhanden.

Fazit:

Man kann über ATOMIC EDEN (2015) meckern, den digitalen Look kritisieren oder die statischen Shootouts bemängeln. Man kann aber nicht leugnen, dass hier ganz viel Liebe zum Action- und B-Kino vergangener Tage drinsteckt, mit der die Macher ihren Vorbildern huldigen. Sicher ein Tipp für all diejenigen, die dieser Sorte Film zugeneigt sind und sich gerne darüber aufregen, dass solche Projekte nicht gefördert werden, Und wer kann einem Streifen wie diesem böse sein, bei dem die Mutter des Regisseurs das Catering übernimmt? Ich nicht!

Gewinnspiel:

Gerade bekamen wir die Nachricht von Produzent Kevin Zindler, dass er uns ein Blu-ray Exemplar zum Verlosen zur Verfügung stellt. Alles, was Ihr dafür tun müsst, ist folgende Frage per Mail an christian@die-medienhuren.de mit dem Betreff „Atomic Eden“ bis zum 26.12.2021 um 20 Uhr zu beantworten:

  • An welchem aktuellen Actionfilm mit Karen Gillan und vielen anderen toughen, weiblichen Kolleginnen arbeitete Mike Möller als Stuntman?

Wir wünschen viel Glück. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Christopher auf Letterboxd – Your Life in Film folgen

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