“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #7 – Der Fälscher von London (1961)

Wir schlagen das nächste Kapitel in der Geschichte der deutschen Edgar Wallace-Verfilmungen auf und beschäftigen uns heute mit einem Film, der im direkten Vergleich zu anderen Einträgen in die Serie einen eher wenig prominenten Status genießt. Ob dies bei DER FÄLSCHER VON LONDON (1961) gerechtfertigt ist oder sich hinter dem Krimi ein kleines Juwel des deutschen Kinos verbirgt, klären wir im neusten Teil unseres Specials.

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Johannes Kai
Regie: Harald Reinl

Darsteller: Karin Dor, Hellmut Lange, Siegfried Lowitz, Viktor de Kowa, Walter Rilla, Mady Rahl, Robert Graf, Ulrich Beiger, Eddi Arent…

Artikel von Christopher Feldmann

Mit der deutsch/britischen Ko-Produktion DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN (1961) beendete Rialto-Film die Kinosaison 1960/1961 mit einem großen finanziellen Erfolg. Obwohl andere Produzenten langsam aber sicher den Einzug des Fernsehens in den deutschen Haushalten zu spüren bekamen, lockten die Wallace-Verfilmungen die Zuschauer weiter scharenweise in die Lichtspielhäuser. Angespornt vom Erfolg und dem steigenden Zuspruch seitens des Publikums, war sich Produzent und Rialto-Mitgesellschafter Horst Wendlandt sicher, auf einer absoluten Goldader zu sitzen, weshalb für die kommende Spielzeit 1961/1962 vier weitere Krimis der Reihe geplant wurden, basierend auf den Romanen DER BANKNOTENFÄLSCHER (1927), DIE SELTSAME GRÄFIN (1928), DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN (1927) und GANGSTER IN LONDON (1932). Um nicht in eine berechenbare Routine abzurutschen, suchte man immer wieder, neben neuen Regisseuren, neue Autoren, die das Konzept weiterentwickeln sollten, um das Publikum hin und wieder zu überraschen. Diese Amtshandlung schlug sich schließlich im ersten Film des neuen Wallace-Pakets nieder. Mit DER FÄLSCHER VON LONDON (1961) versuchte man sich an einer etwas anderen Geschichte, die zwar etwas andere Elemente beinhaltet aber auch auf vertraute Motive setzt. Auch wenn der Krimi nicht zu den großen Klassikern der Reihe zählt und auch kein sonderlich hohes Ansehen bei den Fans genießt, zu verachten ist das ordentlich gefilmte Verwirrspiel sicher nicht.

Handlung:
Der Millionenerbe Peter Clifton (Hellmut Lange) ist soeben den Bund der Ehe mit der bürgerlichen Jane (Karin Dor) eingegangen. Die Flitterwochen verbringt das frisch vermählte Paar auf Longford Manor. Derweil hält ein fieberhaft gesuchter Banknotenfälscher, “Der Gerissene” genannt, London in Atem. Oberinspektor Bourke (Siegfried Lowitz) von Scotland Yard jagt den Verbrecher, bisher aber ohne Erfolg. Als Jane eines Abends hinter einer Geheimtür eine Druckerpresse entdeckt, glaubt sie Peter könne ein Doppelleben führen. Als es im Umfeld des Paares zu Morden kommt und Peter immer in der Nähe ist, weiß Jane nicht mehr, was sie glauben soll. Doch Bourke glaubt nicht an die Schuld des jungen Erben und wittert eine Verschwörung.

Für das Drehbuch zu DER FÄLSCHER IN LONDON (1961) verpflichtete man einen gänzlich neuen Autor, der mit dem Skript seinen Einstand in der Wallace-Familie feiern durfte, da bisherige Schreiber wie Wolfgang Menge und Wolfgang Schnitzler aus diversen Gründen nicht mehr zur Verfügung standen und Egon Eis (Trygve Larsen) bereits mit der Adaption anderer Wallace-Geschichten betraut wurde. Johannes Kai, bürgerlich Hanns Wiedmann, nahm sich der zur Grunde liegenden Kriminalgeschichte an und schusterte daraus ein Drehbuch, das in der Chefetage besonderen Anklang fand. Es war das erste Mal, dass ein Skript für eine Wallace-Verfilmung nicht noch einmal überarbeitet wurde. Geringfügige Änderungen fanden zwar während des Drehs statt, im Prinzip übernahm man Kais Arbeit aber eins zu eins.

DER FÄLSCHER VON LONDON zählt zu meinen sehr späten Wallace-Filmen, denn im Vergleich zu anderen Verfilmungen, war diese recht selten bis nie im Fernsehen zu sehen. So erfolgte die Sichtung auch erst Jahre später auf DVD. Man spürt, dass man sich hier an einem etwas anderen Konzept versucht hat, um nicht berechenbar zu werden. Dieses Mal geht es weniger um den großen Unbekannten (auch wenn er trotzdem Bestandteil der Geschichte ist), sondern um eine klassische Mystery-Komponente, die sich hauptsächlich auf die beiden Protagonisten konzentriert. Der Kern ist das Rätsel, ob sich hinter dem unscheinbaren zu zutraulichen Peter Clifton ein Mörder versteckt, vielleicht sogar ein kriminelles Genie, und er sich dessen gar nicht wirklich bewusst ist. So versucht der Film mit bestem Willen falsche Fährten zu legen, um den Zuschauer bis kurz vor Schluss im Dunkeln zu lassen, was manchmal mehr, manchmal aber auch weniger gut funktioniert.

Ich hatte den Film als recht langatmig und wenig spannend in Erinnerung, was ich aber nach erneuter Sichtung doch etwas revidieren muss. So schlecht wie ich dachte, ist der Krimi überhaupt nicht, auch wenn man als Fan ein paar Abstriche machen muss. Der Plot um einen Banknotenfälscher ist nicht der temporeichste der Reihe, soviel steht schon mal fest. Ein Typ, dessen verbrecherische Energie sich darauf konzentriert 5-Pfundnoten in Umlauf zu bringen, versprüht sich gerade eine große Bedrohung. Anscheinend waren die Macher sich dessen bewusst und würzten die Identitätsfrage Peter Cliftons mit dem nötigen Mord und Totschlag. Auch wenn der Leichenberg in DER FÄLSCHER VON LONDON relativ klein bleibt und kundige Filmfans die Geschichte doch recht zügig durchschauen dürften, wirklich langweilig wird sie zu keiner Zeit. Das liegt vor allem daran, dass das Timing stimmt und immer etwas passiert, sobald sich Stillstand ankündigt. Zwar ist das Ende nicht wirklich überraschend und auch die Beziehung zwischen Peter und Jane etwas holprig erzählt (zuerst heiratet sie ihn etwas wiederwillig, verliebt sich aber schlagartig wirklich in den Millionenerben), dennoch geht das Pacing vollkommen in Ordnung und gestaltet sich sogar ansprechender als beim direkten Vorgänger DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN.

Großen Anteil daran trägt die versierte Regie von Harald Reinl, der für Rialto-Film schon die Wallace-Klassiker DER FROSCH MIT DER MASKE (1959) und DIE BANDE DES SCHRECKENS (1960) inszenieren durfte. Ursprünglich war er auch für DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (1961) vorgesehen, den Posten erhielt aber schließlich Alfred Vohrer. Nun kam Reinl wieder zum Zug, was sich als Segen für den Film herausstellte. Hier kann man gut einen Vergleich zu den NARZISSEN ziehen. Während der Vorgänger wesentlich blasser und eintöniger daherkommt, macht sich beim FÄLSCHER Reinls Talent für Atmosphäre und stimmungsvolle Kamerafahrten bemerkbar. Über das Stock-Footage des Pferderennens lässt sich gewiss streiten aber in Sachen Look & Feel steht der siebte Film der Edgar Wallace-Reihe seinen Vorgängern aus deutscher Hand in Nichts nach. Hier wechseln sich gut ausgeleuchtete Innenaufnahmen in guten Sets und düstere Nachtszenen ab, die wieder einmal von dem hervorragenden Spiel zwischen Licht und Schatten leben.

Die Besetzung erweist sich auch hier wieder als absolut treffsicher. Aufgrund der Regie von Harald Reinl, spielte dessen damalige Ehefrau Karin Dor auch in diesem Wallace-Krimi die weibliche Hauptrolle, wieder einmal mit Bravour. Ihre reizende Erscheinung machten sie, zu recht, zu DEM Wallace-Girl der 1960er Jahre. Für ihren filmischen Gatten verpflichtete man den damals noch unbekannten Hellmut Lange. Die Zuschauer sollten mit einem unbekannten und unverbrauchten Gesicht konfrontiert werden, damit das Rätselraten um seine Person möglichst bis zum Schluss bestehen bleibt. Lange macht seinen Job solide, es war sein erster und einziger Auftritt in Sachen Edgar Wallace. Der Posten des Szenendiebs geht allerdings an Siegfried Lowitz als Oberinspektor, der mit seinem verschmitzten, ironischen Charme jeden Moment seiner Leinwandzeit für sich beansprucht. Die Nebenfiguren sind allesamt adäquat verkörpert worden, besonders Viktor de Kowa sticht in seinem einzigen Engagement in der Reihe als Dr. Wells hervor. Walter Rilla, der hier John Leith spielt, durfte später noch einmal in ZIMMER 13 (1964) auftreten, während Ulrich Beiger nach insgesamt vier Filmen aus der Serie ausschied. Ebenfalls mit von der Partie ist wieder Eddi Arent, der beim letzten Film durch Abwesenheit glänzte. Allerdings beschränkt sich sein Auftritt auf ein Cameo als Nachbar. Besonders hervorzuheben ist die Musik, die hier erstmals von Martin Böttcher komponiert wurde. Nach mehreren mittelprächtigen Musiken, ist der Score hier besonders gut geraten und trägt viel zum Flair dieses angenehm altmodischen Krimis bei. Es war die erste von insgesamt fünf Arbeiten für Wallace.

Die Dreharbeiten begannen im übrigen am 02. Mai 1961, noch bevor selbige zu DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN in London überhaupt abgeschlossen waren. Die Innenaufnahmen wurden wieder in den Realfilm-Studios in Hamburg gemacht, während das Schloss Herdringen im Sauerland als Kulisse für Longford Manor diente, während die London-Aufnahmen wieder einmal aus der Konserve stammten. Das altehrwürdige Anwesen sollte noch ein weiteres Mal Verwendung finden, nämlich bei DER SCHWARZE ABT (1963). Die Premiere fand am 15. August 1961 in Aachen statt, an den Kinokassen blieb der neuste Wallace-Reißer allerdings hinter den Erwartungen und vor allem hinter dem Erfolg der letzten Filme zurück. Gründe dafür dürften vermutlich die etwas andere Story, sowie das Fehlen eines zugkräftigen Hauptdarstellers wie Joachim Fuchsberger sein. Von der FSK bekam der Film seinerzeit eine Freigabe ab 16 Jahren, seit 1991 ist diese nur noch ab 12 Jahren.

Fazit:
DER FÄLSCHER VON LONDON (1961) ist ein oft vergessener Teil der klassischen Wallace-Serie. Auch wenn der Krimi nicht ganz so knackig daherkommt wie andere Vertreter und die ein oder andere Länge besitzt, hat der doch einige Qualitäten vorzuweisen, was sich vor allem in der Inszenierung, der Darstellungen und in der Musik niederschlägt. Auf jeden Fall eine Neuentdeckung wert!

3 von 5 gefälschten 5-Pfundnoten

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