“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!” #19 – Neues vom Hexer (1965)

NEUES VOM HEXER (1965) stellt innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe ein absolutes Novum dar, war der Film doch die erste und auch einzige Fortsetzung eines der bisherigen Krimis aus dem Hause Rialto-Film. Ob der 19. Wallace-Krimi seinem berühmten und beliebten Vorgänger das Wasser reichen kann, erfahrt ihr im neuesten Teil unserer Retrospektive!

“Hallo, hier spricht Edgar Wallace!”

Drehbuch: Herbert Reinecker
Regie: Alfred Vohrer

Darsteller: Heinz Drache, Barbara Rütting, Brigitte Horney, Margot Trooger, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg, Robert Hoffmann, Eddi Arent, René Deltgen, Karl John…

Artikel von Christopher Feldmann

Mit dem Ende des Jahres 1964 änderte sich die Marschroute der Edgar-Wallace-Filme ein wenig. Da vergangene Produktionen wie DAS VERRÄTERTOR (1964), DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS (1964) und ZIMMER 13 (1964), letzterer auch aufgrund seiner hohen Altersfreigabe, etwas stagnierten, was das Einspielergebnis betrifft und auch viele Epigonen anderer Studios nicht ganz der erhoffte Erfolg waren, beschloss Rialto-Chef Horst Wendlandt in Sachen Edgar Wallace etwas kürzer zu treten, was bedeutete, die Produktionsdichte zu minimieren. Statt vier bis fünf Filme im Jahr, wollte man sich in Zukunft auf lediglich Zwei bis Drei konzentrieren, was angesichts heutiger Maßstäbe immer noch eine echte Hausnummer war. Man wollte das Publikum nicht eben nicht übersättigen. Auch begann man nun vollends auf eigene Geschichten zu setzen, die, außer dem Titel, nichts mehr mit den Original-Romanen des britischen Autors zu tun hatten. Das lag zum einen an der Tatsache, dass der Erfolg der Filme die Verkäufe der Bücher befeuerte und Wendlandt befürchtete, dass das gestiegene Leserinteresse dafür sorgen könnte, dass viele Zuschauer die Auflösungen bereits kennen könnten, zum anderen fanden die Autoren kaum noch Möglichkeiten, die ursprünglichen Stories in einen modernen Kontext zu übertragen, waren diese in den Büchern doch meist in den 1920er Jahren angesiedelt. Es mussten neue Stoffe her, die dem aktuellen Zeitgeist und dem Zuschauerinteresse entsprachen. Aufgrund des großen Erfolgs von DER HEXER (1964), hielt man es für eine sichere Bank, eine entsprechende Fortsetzung zu produzieren. NEUES VOM HEXER (1965) erschien nicht mal ein Jahr nach dem Vorgänger und kann diesem in Sachen Qualität leider nicht das Wasser reichen.

Handlung:
Als der reiche Lord Curtain (Wilhelm Vorwerg) von seinem Neffen Archie Moore (Robert Hoffmann) und dem Butler Edwards (Klaus Kinski) ermordet wird, rekrutiert Sir John (Siegfried Schürenberg) ein weiteres Mal den australischen Inspektor Wesby (Heinz Drache), um in dem Fall zu ermitteln. Zum einen, da sich Kollege Higgins in den wohl verdienten Flitterwochen befindet, zum anderen, da am Tatort eine Visitenkarte des “Hexers” gefunden wird, die auf ihn als Täter hindeutet. Die Nachricht des Mordes erreich indes auch Australien und somit den “Hexer” Arthur Milton (René Deltgen) persönlich, der sich mitsamt Ehefrau Cora (Margot Trooger) und Butler Finch (Eddi Arent) nach London aufmacht, um seinen Namen rein zu waschen. Derweil geschehen weitere Morde im familiären Umfeld der Curtains und Scotland Yard bleibt nichts anderes übrig, als mit dem “Hexer” zusammenzuarbeiten, um die wahren Täter dingfest zu machen.

NEUES VOM HEXER (1965) ist einer jener Wallace-Filme, mit denen ich immer gehadert habe, da ich ihn als recht dröge, ja sogar langweilig in Erinnerung hatte. Ich liebe wirklich den Erstling, für sein ungeheures Tempo, für seinen Witz und die tolle Besetzung. Das Sequel konnte mich bei der Erstsichtung weit weniger begeistern, da es in fast allen relevanten Punkten deutlich abstank. Tatsächlich ist der mittlerweile 19. Teil der Reihe einer der Filme, die ich am wenigsten gesehen habe, was vermutlich der Enttäuschung meines jungen Ichs zuzuschreiben ist. Mit etwas Abstand musste ich allerdings feststellen, dass mein junges und mein gegenwärtiges Ich nahe beieinander sind.

NEUES VOM HEXER (1965) war der erste Wallace-Film, der handlungstechnisch frei nach dem berühmten Kriminalschriftsteller erzählt wurde. Tatsächlich gibt es ein Buch mit dem Titel NEUES VOM HEXER, es ist aber lediglich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die mit dem fertigen Film rein gar nichts zu tun hat. Das Drehbuch wurde erneut von Herbert Reinecker verfasst, der dieses Mal allerdings weniger gute arbeitet leistete. Der Plot weißt einige Lücken auf und wirkt wirklich lieblos zusammengeschustert, was besonders dadurch ersichtlich wird, dass kaum einer der Charaktere wirklich glänzen kann und die Spannung weitestgehend ausbleibt. Den Auftakt bildet der Mord an Lord Curtain, der von Archie Moore und Edwards ausgeführt wird. Somit kennt der Zuschauer die Mörder, was dem Film eigentlich eine neue, frische Perspektive gegeben hätte. Statt “Whodunit” ein “Howcatchhim“, bei dem das Publikum den Ermittlern gewaltigen einen Schritt voraus gewesen wäre, wenn man sich nicht sklavisch an alte Muster gehalten und den “großen Unbekannten” eingeführt hätte, der die Fäden im Hintergrund zieht. So sterben einige Familienmitglieder, als auch die Helfershelfer des Bösewichts, was dennoch nie wirklich Tempo in die Sache bringt. Selbst die Figur des Inspektor Wesby wirkt in diesem Film irgendwie teilnahmslos und wenig auf Zack. In jedem anderen Wallace-Film würde der Ermittler schnell die Spur aufnehmen, hier dauert es eine ganze Weile, bis er überhaupt irgendetwas tut. NEUES VOM HEXER führt Figuren ein, die wenig zu tun bekommen aber irgendwie handlungsrelevant sein sollen, was für einen faden, unausgegorenen Eindruck sorgt. Auch narrativ verzettelt sich das Drehbuch immer wieder in Ungereimtheiten und besonders die Maskeraden des Hexers wirken hier größtenteils plump und albern. In einer Szene tritt Arthur Milton als asiatischer Butler auf, der seiner Frau Cora und Inspektor Wesby Tee serviert. Die Tatsache, dass der Beamte keine Anstalten macht, genauer hinzusehen, ist schon etwas verwunderlich.

Den Kapitalfehler, der dem Film letztendlich das Genick gebrochen hat, ist die fadenscheinige Auflösung des Haupttäters. Man präsentiert dem Zuschauer einen Schurken, den man den ganzen Film über nicht zu sehen bekommt und der erst im Finale auftritt, kurz bevor er sang- und klanglos erschossen wird. Das macht leider einen recht faulen Eindruck und ist auch irgendwo Betrug am Publikum, für das das Miträtseln nach der Identität des Mörders ein essenzieller Bestandteil des Wallace-Gesamtpakets ist.

Darüber hinaus ist der Film wesentlich kammerspielartiger angelegt als der tempo- und auch actionreiche Vorgänger. Fast alle Szenen spielen in irgendwelchen Räumen, lediglich die Hafenszene gegen Ende bringt etwas Abwechslung ins Spiel. Man gewinnt den Eindruck, dass der Streifen relativ schnell aus dem Boden gestampft wurde, um mit dem Titel noch einmal ordentlich Geld zu verdienen. Auch die Tatsache, dass der Vorspann aus dem ersten Teil übernommen wurde, selbstverständlich mit anderen Namen, und auch die Musik von Peter Thomas identisch ist, lässt das Ganze irgendwie etwas schlampig wirken.

Es ist lediglich der versierten Regie von Routinier Alfred Vohrer zu verdanken, dass Fans zumindest ansatzweise auf ihre Kosten kommen. Die stimmungsvollen Aufnahmen, die künstliche Nebel und die mondäne Ausstattung geben dem Film wieder einmal dieses schrullig pulpige Flair, welches ein ordentlicher Wallace-Krimi benötigt. Auch die kleinen Meta-Gags sind ganz köstlich, etwa wenn Butler Finch von Milton gefragt wird, was jetzt passieren wird und er erstmal im Buch nachschauen muss. Auch wird hier wieder die vierte Wand durchbrochen, ein beliebter Kniff in der Serie, der hier den Film beendet. Tatsächlich wirkt NEUES VOM HEXER bis auf ein paar kleine Schnitzer relativ souverän und es fällt kaum auf, dass der Regisseur während des Drehs erkrankte, so dass mit Will Tremper, der bereits das Drehbuch zu ZIMMER 13 (1964) geschrieben hatte, ein Ersatz einspringen musste, um den Film zu beenden.

Die Besetzung kann in diesem Fall allerdings auch weniger überzeugen als sonst. Joachim Fuchsberger stand für den Film nicht zur Verfügung (es sollte noch zwei Jahre dauern, bis ihn die Zuschauer wieder als Inspektor Higgins zu sehen bekamen), weshalb Heinz Drache diesen Fall alleine wuppen musste. Drache wirkt hier jedoch stellenweise recht teilnahmslos und gelangweilt, zudem gibt ihm das Skript nicht viel zu tun. Auch Barbara Rütting kann in der weiblichen Hauptrolle wenig Akzente setzen. Für die 2020 verstorbene Schauspielerin war es der zweite und letzte Wallace-Film. Etwas Gravitas wird der Geschichte von Brigitte Horney verliehen, die mit NEUES VOM HEXER ihren ersten deutschen Film nach mehreren Jahren Abstinenz drehte. Als Lady Aston sorgt sie für die schauspielerische Glanzleistung des Films. Die üblichen Verdächtigen Siegfried Schürenberg, Eddi Arent und Klaus “möchten sie noch einen Tee, Mylady” Kinski spielen routiniert ihre Stammrollen, während René Deltgen zum zweiten Mal als Hexer zu sehen ist. Dieser bekommt etwas mehr zu tun als im Vorgänger und erweist sich hin und wieder als Szenendieb. Allerdings vermisst man schmerzlich die großartige Margot Trooger, die nur eine Handvoll Szenen hat. Perlen vor die Säue!

Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass Teddy Naumann, der hier als Charles zu sehen ist, in einer Szene mit echten Tigern hantiert. Naumann ist der Sohn des Dompteurs Heinz Naumann und hatte somit Erfahrung mit den Raubkatzen. Trotzdem hält man als Zuschauer in der entsprechenden Szene gerne mal die Luft an, wenn der kleine Junge plötzlich auf einem ausgewachsenen Tiger sitzt. Auch zwei wohl bekannte Wallace-Gesichter sind hier in kleinen Nebenrollen zu sehen. Albert Bessler, sonst gerne als Butler genommen, spielt den Gerichts-Vorsteher, während Hubert von Meyernick, der hier erstmals in einem Wallace-Film zu sehen ist und später Schürenberg als Scotland-Yard-Chef beerben sollte, den Richter mimt.

Die Musik stammt, wie bereits erwähnt, von Peter Thomas, welche dem Score von DER HEXER (1964) jedoch ziemlich ähnlich ist.

Gedreht wurde vom 15. März bis zum 27. April 1965 in West-Berlin. Für die Außenaufnahmen musste einmal mehr die Pfaueninsel herhalten, während weitere Szenen am Westhafen gedreht wurden. Für die Innenaufnahmen drehte man erneut in den CCC-Studios, die London-Aufnahmen stammten, wie so oft, aus der Konserve. Auch die Außenansicht auf die Windmühle stammt aus DIE GRUFT MIT DEM RÄTSELSCHLOSS (1964). Die Uraufführung fand am 04. Juni 1965 in Saarbrücken statt und nach anfänglich guten Umsätzen brach NEUES VOM HEXER aufgrund der eher mäßigen Mundpropaganda schnell ein. Mit nur 1,8 Millionen Zuschauern war der Film bedeutend weniger erfolgreich als der erste Teil.

Von der FSK gab es eine Freigabe ab 16 Jahren für die ungekürzte Fassung, lediglich für die TV-Ausstrahlung wurden Kürzungen vorgenommen. So fehlen in dieser regelmäßig verwendeten Fassung die Eröffnungsszene und der Schlussdialog. Die inzwischen erhältliche Originalfassung ist jedoch weiterhin ab 16 Jahren freigegeben.

Fazit:
NEUES VOM HEXER (1965) hat gute Ansätze und ist auch immer noch auf eine gewisse Art und Weise unterhaltsam, gehört aber zu den schwächsten Filmen der Krimi-Serie. Eine zerfahrene, dröge Handlung, eine unbefriedigenden Auflösung und ein wenig begeisternder Cast machen diese schnell zusammengeschusterte Fortsetzung zu einem der größten Wallace-Klassiker zu einem mäßigen Film.

2,5 von 5 falschen Richtern!

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