“What’s your favorite Scary Movie?”. Mit dieser ikonischen Frage verlieh Genre-Altmeister Wes Craven dem dahindümpelnden Horrorkino, insbesondere dem Slasherfilm, in den 1990er Jahren frische Impulse. SCREAM (1996) avancierte dank seines selbstrefereziellen Humors und dem Spiel mit Genre-Konventionen zum modernen Klassiker und verhalf dem Genre wieder zu großer Beliebtheit. 25 Jahre und vier Sequels später schlitzt sich der Ghostface-Killer nun zum fünften Mal durch eine Riege aufstrebender Teen-Stars und altbekannter Helden. Der schlicht als SCREAM (2022) betitelte Streifen ist frisch in den Kinos gestartet und ob die Fortsetzung dem Original würdig ist, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Originaltitel: Scream

Drehbuch: James Vanderbilt, Guy Busick

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Darsteller: Melissa Barrera, Jenna Ortega, Neve Campbell, Courteney Cox, David Arquette, Jack Quaid, Dylan Minnette, Marley Shelton, Jasmin Savoy Brown…

Artikel von Christopher Feldmann

Als SCREAM (1996) damals in den Kinos startete, galt der Horrorfilm und speziell das Konzept des Teen-Slashers, zumindest auf der großen Leinwand, als tot. Es gab zwar immer mal wieder durchaus sehenswerte Genre-Beiträge, der überschwängliche Erfolg, den solche Filme noch eine Dekade zuvor erzielen konnten, war allerdings vorbei. Wer klassischen Horror wollte, musste zwangsläufig die Videothek seines Vertrauens aufsuchen. Wes Craven, der bereits mit A NIGHTMARE ON ELM STREET (1984) für frischen Wind in dem damals schon ziemlich ausgelutschten Slasherfilm sorgte, schaffte es aber gemeinsam mit Drehbuchautor Kevin Williamson auf clevere Art und Weise, die Tropes und Klischees für ein neues Publikum aufzubereiten. Mit einer humorvollen Meta-Ebene, dem eigenen Bewusstsein für (Horror-)Filmgeschichte und dem Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers, sowie den fast schon in Stein gemeißelten Regeln des Killer-jagt-Teenager-Films, fühlte sich SCREAM frisch und clever, zum anderen aber auch angenehm klassisch an, denn trotz seiner selbstrefereziellen Art funktionierte der Film immer noch erstaunlich gut als fieser, spannender Horrorfilm. Der Erfolg war so groß, dass Craven gleich SCREAM 2 (1997) in Angriff nahm, der sich über Sequels lustig machte, und auch SCREAM 3 (2000) verantwortete, der Trilogien aufs Korn nahm und mit Hollywood als Schauplatz noch stärker die Meta-Karte ausspielte. Alle Filme waren große Hits, doch als 11 Jahre später SCREAM 4 (2011) nachgeschoben wurde, der damals eine neue Trilogie starten sollte, und kommerziell floppte, galt Ghostface als reif für die Rente, zumal der Kult-Regisseur 2015 aus dem Leben schied. Doch weil die Rechte nach dem Weinstein-Skandal den Besitzer wechselten und sogenannte Legacy-Sequels gerade der absolute Shit sind, darf der Messermörder mit der Geistermaske nun doch nochmal auf die Jagd gehen und abermals die Kleinstadt Woodsboro terrorisieren. Dabei dürfen natürlich weder die Meta-Gags, noch die Stars von damals fehlen. Das klingt doch alles nach einem nostalgisch schönen Kino-Grusel-Spaß, doch die Realität sieht leider anders aus. SCREAM (2022) hat zwar seine Momente, ist aber zu großen Teilen ein ziemlich nerviger, plumper und stellenweise auch ärgerlicher Nachklapp geworden, der nichts neues bietet und sich einem Trend unterwirft, der mittlerweile Ermüdungserscheinungen erzeugt.

Handlung:

Als die High-School-Schülerin Tara (Jenna Ortega) eines Abends von einem Killer in Ghostface-Kostümierung angegriffen und lebensgefährlich verletzt wird, kehrt ihre entfremdete Schwester Sam (Melissa Barrera) mitsamt Freund Richie (Jack Quaid) zurück nach Woodsboro, die Kleinstadt, die schon vor 25 Jahren von zwei Psychopathen in der gleichen Aufmachung terrorisiert wurde und der sie aus persönlichen Gründen einst den Rücken gekehrt hatte. Doch es bleibt nicht bei einem Angriff, der perfide Killer fordert schon bald weitere Opfer und scheint es besonders auf die beiden Schwestern und deren Umfeld abgesehen zu haben. In ihrer Hilflosigkeit wenden sie sich an Ex-Sherriff Dewey Riley (David Arquette), der damals selbst die Ghostface-Morde miterlebte und stellen Ermittlungen an, wer hinter der Maske stecken und was das Motiv sein könnte. Doch der Killer scheint den Teenagern immer einen Schritt voraus zu sein, was schon bald dafür sorgt, dass sich die weiteren Überlebenden von damals, Sidney Prescott (Neve Campbell) und Gale Weathers (Courteney Cox), einschalten.

Zugegeben, meine Erwartungen an SCREAM hielten sich in deutlich messbaren Grenzen. Nicht nur machte mir die fehlende Handschrift von Wes Craven und Kevin Williamson (der hier lediglich als Produzent in Erscheinung tritt) Sorgen, auch die Tatsache, dass man die Zahl “5” im Titel komplett weglässt, ließ schon früh darauf schließen, dass der Film ein sogenanntes “Requel”, eine Mischung aus Reboot und Sequel wird, das neue Charaktere ins Zentrum rückt, aber auch bewusst an die Vorgänger anknüpft und mit dem Rückgriff auf altbekannte Figuren die Fans der bisherigen Filme abholen soll. Zudem war der Trailer auch wenig spektakulär und ließ darauf schließen, dass das hier eine eher maue, hüftsteife Veranstaltung wird. Die ersten, überschwänglich positiven Reaktionen ließen mich aber dann doch aufhorchen. Ist SCREAM 5 am Ende vielleicht doch ein echter Knaller? Nein, leider nicht!

Das erste große Problem des Films lässt sich schon in der Konzeptionierung ausmachen. SCREAM 5 ist nicht nur ein Requel, sondern ein sogenanntes Legacy-Sequel, wie man sie derzeit häufig im Kino vorfindet. Fortsetzungen zu bekannten und beliebten Franchises, die sich sklavisch an die Originalfilme klammern und im Prinzip dieselbe Story nochmal auftischen, nur eben etwas modernisiert und mit neuen Gesichtern. Und weil das allein noch nicht die Fans von damals dazu bringt, ein Kinoticket zu lösen, karrt man zusätzlich die Stars von früher heran, um das Ganze mit einem nostalgischen Glanz zu veredeln, damit dann auch jeder zufrieden sein kann. Prominente Beispiele wären da u.a. CREED – ROCKY’S LEGACY (2015), die JURASSIC-WORLD-Reihe (seit 2015), HALLOWEEN (2018), TERMINATOR: DARK FATE (2019), STAR WARS: THE FORCE AWAKENS (2015) oder jüngst GHOSTBUSTERS: AFERLIFE (2021) und THE MATRIX RESURRECTIONS (2021). Alles Filme, die versuchen eine gewisse Nostalgie zu triggern, in dem sie dem Zuschauer genau das geben, was er schon kennt und somit Remakes als verspätete Fortsetzungen tarnen.

Kommen wir aber zum neuesten Abstecher (hihi) nach Woodsboro. Auch SCREAM fährt diese Schiene und setzt dem alteingesessenen Fan die immer gleiche Sauce vor. High-School-Schülerin sitzt allein zuhause, Festnetztelefon klingelt (anno 2022, ist klar!) und eine unbekannte Stimme fragt, was denn ihr Lieblingshorrorfilm sei. Dass das Mädel mit modernen, weit artifizielleren Genrewerken wie HEREDITARY (2018) oder THE BABADOOK (2014) (also sogenannter “Elevated Horror“) antwortet, ist schon mal der erste Seitenhieb auf das eigene Franchise, denn ein maskierter Mörder, der mit einem Messer Teenager absticht, ist heutzutage einfach ein alter Hut und lockt keinen mehr hinter dem Ofen vor. Wie gut, dass es innerhalb der filmischen Welt die STAB-Reihe gibt, so kann man sich schlussendlich daran wunderbar abarbeiten. Die Eröffnungssequenz geht dann so aus wie man es erwartet, Ghostface kommt um die Ecke und sticht auf das Mädel ein. Natürlich will der Film das dem Zuschauer als Hommage an das Original verkaufen, im Prinzip ist es aber eben genau dasselbe.

Leider führt der Film diese Marschrichtung erschreckend konsequent fort. Das Drehbuch von James Vanderbilt und Guy Busick ist sich offenkundig bewusst, dass aus SCREAM einfach nichts mehr Neues herauszuholen ist. Das spiegelt sich in den immergleichen Slasher-Szenen wieder, die weder spannend sind, noch irgendeine Form von Horror kreieren. Der Killer kommt und geht, manchmal steht er eben nicht in der einen Ecke, sondern in der anderen und am Ende wird immer eine hübsche Menge Kunstblut vergossen. Den Autoren sind schlicht keine frischen Ideen eingefallen, also spult man Szenarien ab, die man aus den anderen Teilen kennt, maximal in leichter Variation. Immerhin ist das ein Legacy-Sequel, eine Verbeugung vor Wes Cravens legendärem Hit von 1996, also eine Hommage und keine bloße Kopie, zumindest will man das so verkaufen. Um das zu rechtfertigen, zückt man die allseits beliebte Meta-Karte. Es wird gegen Remakes und einfallslose Fortsetzungen ausgeteilt, gegen Fanfiction, das moderne Horrorkino und Streaming gestänkert, Klischees und Regeln wiedergekäut und so ziemlich jeder Filmtitel erwähnt, der irgendwie auf die Handlung des Films einzahlt, SCREAM suhlt sich förmlich in seiner Meta-Ebene. Klar, die Meta-Nummer war schon immer Bestandteil der Reihe, allerdings war sie im Original, auf das sich der neueste Film größtenteils bezieht (die anderen Sequels sind Kanon, spielen aber keine wirkliche Rolle), ein Bonus, ein Sahnehäubchen, das mehr oder weniger im Subtext mitschwang. Der erste SCREAM funktionierte noch als echter Schocker mit Spannung und greifbaren Figuren und überraschenden Twists. Der Film nahm sich selbst nicht allzu ernst aber immer noch ernst genug, um nicht zur Farce zu verkommen. Anno 2022 ist SCREAM (und damit meine ich wieder Nummero 5) nur noch eine Farce, quasi das Realfilm-Äquivalent einer Scooby-Doo-Episode.

Der Film versucht clever zu sein, in dem er sich selbst auf die Schippe nimmt und damit kokettiert, dass er ja eben auch nur das ist, was die Fans heutzutage sehen wollen, weil Hollywood es ihnen einfach nicht recht machen kann. Das ist nicht nur etwas zu prätentiös, sondern auch ein wenig frech für einen Streifen, der versucht gegen alles und jeden den Zeigefinger zu erheben aber sich schlussendlich selbst dieser Entwicklung unterwirft. Allein das Finale recycelt fast 1:1 das Original, inklusive ganzer Einstellungen. Das ist nervig und sorgt dafür, dass sich das Ganze nicht mehr wie ein Film anfühlt, sondern wie eine Art Sketch alá Saturday Night Live, bei dem Geschichte, Figurenentwicklung, Grusel und Spannung komplett auf der Strecke bleiben, da wird auch der Killer an sich austauschbar, immerhin besitzt dieser keine wirkliche Mythologie, da es sich sowieso immer um jemand anderes handelt. Selbst die finale Auflösung ist erschreckend gaga und ein etwas sehr plumper Seitenhieb auf toxisches Fandom. Natürlich ist trotz all der Kritik nicht alles schlecht am Film, es gibt tatsächlich ein paar nette Einzelmomente, die auch mich haben schmunzeln lassen. Aber immer wenn sich etwas vielversprechend entwickelt, nimmt sich der Film den Wind selbst aus den Segeln. Das Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers ist völlig okay, wenn man es allerdings in einer Szene mehrfach wiederholt, wird es nicht besser, sondern eher schlechter. Leider hat SCREAM viele solcher Momente. Zudem leidet das Ganze darunter, dass es sich hier eben um den fünften Film einer Reihe handelt, denn all die bissigen Kommentare und die selbstrefereziellen Gags haben die vier Teile zuvor auch schon gemacht und da hatten es Craven und Williamson (zumindest bei 1, 2 & 4) deutlich besser im Griff und ein besseres Gefühl für die richtige Balance.

Natürlich fährt man hier einen ganzen Stall an neuen Charakteren auf, von denen aber kaum jemand wirklich hängen bleibt. Tatsächlich habe ich beim Schreiben dieser Zeilen schon wieder vergessen, wer jetzt eigentlich nochmal welche Rolle inne hatte. Am ehesten erinnert man sich an Melissa Barrera und Jenna Ortega, da sie auch die meiste Screentime haben. Allerdings spielt zumindest erstere eher schwach auf, während letztere einen deutlich besseren Job als geschundenes Opening-Opfer abliefert. Also müssen es, wer auch sonst, die alten Hasen richten. David Arquette funktioniert dabei am besten, bekommt er doch einen echten Character-Arc spendiert, den der Mime sehr gut bedient. Dewey ist fast schon der heimliche Held des Films, fast schon die männliche Variante von Jamie Lee Curtis. Der Einsatz von Neve Campbell und Courteney Cox ist hingegen eher weniger geglückt. Nicht nur haben beide, bis auf die letzten 10-15 Minuten, kaum etwas zu tun, auch ihr auftauchen wirkt so erzwungen und nicht homogen zum Rest, dass es einfach nur stört. Tatsächlich hätte die Nummer genauso gut funktioniert, wenn die beiden Damen nicht aufgetaucht werden. Schlussendlich sind ihre Auftritte mit die schlechtesten des Films.

Immerhin legt SCREAM in Sachen Gewalt nochmal eine Schippe drauf. Die Kills haben wieder ordentlich Wumms und wenn sich die Messerklinge mal langsam durch einen Hals schiebt oder den Rücken hinauf gezogen wird, dann tut das schon etwas weh. Zwar erreicht man nie den Impact von SCREAM ’96 (Opening-Sequence) und SCREAM 2 (ebenfalls Opening-Sequence), allerdings geht das hier vollkommen in Ordnung. Rein inszenatorisch gelingen den neuen Regisseuren Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett aber wenig neue Impulse. Der Film versucht Look & Feel der Vorgänger nahtlos zu übernehmen, ein paar audiovisuelle Neuerungen wären da mal angebracht gewesen. Alles wirkt leider nicht angenehm aus der Zeit gefallen (wie vielleicht gewollt), sondern altbacken und überholt. Auch die Musik von Brian Tyler lockt niemanden hinter dem Ofen vor, sondern speist sich aus Kompositionen von anno damals zusammen (was auch sonst) und Sounds, die verdächtig danach klingen, als hätte man in einer Music-Library einfach “Slasher” in die Suchleiste eingegeben und die ersten zehn Treffer in den Film eingefügt.

Aber was weiß ich schon, denn ich bin eben auch nur ein Fan, dem man es nicht recht machen kann. Ich danke dem Film, dass er mir dies nochmal verdeutlicht hat. Vielleicht sollte ich einfach…ach nein, das wäre zu viel des Guten!

Fazit:

SCREAM (2022) hat mir leider überhaupt nicht zugesagt, sondern war einfach nur eine nervige Ansammlung an aufgesetzten Meta-Gags, Anspielungen, Seitenhieben und selbstrefereziellen Kommentaren, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass Sequel Nummero 5 eigentlich so gar nichts mehr Neues zu erzählen hat, sondern die immer gleiche Leier abspult. Das Schlimmste ist fast schon die Tatsache, dass man gegen alles und jeden stänkert aber es selbst eben nicht besser macht. Das ist nicht clever oder gar meta, das ist einfach Mist. Zwar gibt es hier und da gelungene Momente, die auch ein wenig Spaß bereiten und bei denen ich sogar schmunzeln musste, aber eben auch genug, bei denen ich einfach nur genervt war. Nun hat eben auch die SCREAM-Reihe nochmal den Nostalgiezug geritten aber Ghostface darf nun auch in die verdiente Rente gehen, denn das einzig wirklich gruselige am Film war lediglich die Botox-Fresse von Courteney Cox!

Christophers Filmtagebuch bei Letterboxd – Your Life in Film

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