Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir der Regisseur Anthony Mann irgendwie völlig unterm Radar durchgerutscht ist. Vielleicht habe ich früher mal was von ihm gesehen, ganz bestimmt sogar, aber bewusst war es mir nicht. Zumal ich eh mehr dem Italo-Western zugetan war als dem US-Western, obwohl es dort natürlich auch jede Menge guter Filme gibt. Sehenswerte Filme, wie ich nun so nach und nach entdecken durfte, die auch filmisch jenseits der bekannten Bildsprachen der großen US-Western entstanden sind. Es waren die ersten Minuten von Nackte Gewalt, die mich sofort aufmerksam in diesen Film zogen, denn Anthony Mann beweist mit seinem Stil der Inszenierung, dass der Kerl was von Spannung versteht. Der Film Noir soll die filmische Wurzel Anthony Manns sein, die hier auch deutlich zu spüren ist. Film Noir bedeutete eine neue, filmische Realität, die brutaler, konsequenter und jenseits einer klaren Gut-Böse-Trennung steht und sich auch in der Arbeit mit Kamera und Licht wieder findet. Der innere Zustand der Protagonisten reflektiert sich meist in der Umgebung wieder, in der die Szene spielt. Und Anthony Mann packt den Stier mit diesem Film gleich so richtig an den Hörnern: Nackte Gewalt ist ein packendes Kammerspiel voller psychologischer Spannung und Wendungen, großartig minimalistisch inszeniert, teilweise in 4000 Metern Höhe in den Rocky Mountains, was dem Zuschauer eine raue, wunderschöne und völlig unberührte Natur kredenzt, durch die sich die intriganten Gruppen mit einer Dynamik aus Misstrauen und Gier schleppt. PLAION PICTURES brachten diesen Top-Klassiker des Genres nun auf Blu-ray heraus. Der Film war übrigens der Grund, warum ich mir gleich im Anschluss 15 US-Western bei Amazon bestellte, wobei fünf von Anthony Mann sind. Die Rechnung ging also auf, Plaion.

Originaltitel: The Naked Spur
Regie: Anthony Mann
Darsteller: James Stewart, Janet Leigh, Robert Ryan, Ralph Meeker, Millard Mitchell
Artikel von Kai Kinnert
5000 Dollar sind auf den Kopf des berüchtigten Mörders Ben Vandergroat ausgesetzt. Der Kopfgeldjäger Howard Kemp hat es auf die Belohnung abgesehen, und gemeinsam mit zwei Gehilfen gelingt es ihm, den Outlaw und seine Begleitung, die schöne Lina Patch, zu stellen. Nun tickt die Uhr für Vandergroat: Wenn es ihm gelingt, die drei Kopfgeldjäger gegeneinander auszuspielen, kann er vielleicht seinen Hals vor dem Galgen retten.

Es gibt bislang nur wenige Filme aus den 1950er Jahren, die mir bewusst im Gedächtnis hängen blieben. Die frühen Filme Stanley Kubriks zum Beispiel, Sidney Lumets Die 12 Geschworenen, aber auch der zeitlos geniale Es geschah am hellichten Tag von Ladislao Vajda. Dann müsste ich schon länger nachdenken, es fällt mir wahrlich nichts ein. Ach ja: Nackte Gewalt, der sich irgendwie ein wenig an der Struktur von Manns Westernerfolg Winchester ´73 orientiert. Anthony Mann drehte in den 1950ern einen Genre-Maßstab nach dem anderen, die 50er Jahre waren eben sein Jahrzehnt der Akzente. Anthony Mann veränderte die Filmsprache im Genre, brachte mehr Realismus und mehr Spannung ins Geschehen hinein und vergeudete meist sehr wenig Zeit mit unnützen Szenen. Nackte Gewalt bedient eine Art der Inszenierung und des Drehbuchs, wie es mir sehr gefällt, bei ihm ist alles Zielorientiert und einer zentralen Idee untergeordnet. Hier wird keine Zeit verschleudert, hier dient jede Szene dem Voranbringen der Geschichte, hier dient alles einer dynamischen Erzählung: Anthony Mann hat kein passives Filmverständnis, er weiß, was er will und bringt es auf den Punkt. Genial. So muss es sein.
Die Psychologie in Nackte Gewalt ist großartig und die Rolle von James Stewart unklar, was die Spannung immer weiter in die Höhe treibt: Wer ist der Kerl? Ist er ein Sheriff? Nimmt er Rache? Braucht er Geld? Die erste Einstellung des Films eröffnet mit einem Blick auf die Rocky Mountains, als die Kamera nach rechts zu einem Stiefel reißt, der bildfüllend ins Bild ragt. James Stewart ist angekommen und hat in der menschenleeren Pampa einen Goldsucher entdeckt, der ihm jetzt sagen soll, ob der flüchtige Mörder vom Steckbrief in der Gegend gesehen wurde. Für 20 Dollar wird der Goldsucher Howard Kemp (James Stewart) zu dem Verbrecher Ben Vandergroat führen, der sich auf einer felsigen Anhöhe versteckt hat. Doch der lässt sich nicht so leicht aus seinem Versteck vertreiben und wirft Felsbrocken auf seine Verfolger. Es dauert nicht lange, da stößt der unehrenhaft entlassene Nordstaaten-Soldat Roy Anderson (Ralph Meeker) zur Gruppe und bietet seine Hilfe an. Ihm gelingt es dann auch, Ben auf dem Felsen dingfest zu machen, wird dabei allerdings von Lina Patch (Janet Leigh) angegriffen, die Ben auf der Flucht begleitet und an seine Unschuld glaubt. Da alle in die gleiche Richtung „müssen“, macht sich nun ein extrem labiler Trupp auf die Reise, die zum Ziel hat, Ben Vandergroat zu hängen. Darauf hat der natürlich keine Lust und beginnt nach und nach mit seinem Spiel aus Zwietracht und Missgunst, in dem er die drei Kopfgeldjäger aufeinander „hetzt“. Ab Mitte des Films spitzt sich die Lage dramatisch zu, als James Stewart verletzt wird und damit Schwäche zeigt. Dazu kommt noch die Liebe ins Spiel, was Ben nicht passt und Janet Leigh dazu zwingt, sich für eine Seite entscheiden. An einem reißenden Bergfluss kommt es zu einem dramatischen Showdown, nicht jeder in dieser Gruppe wird überleben.

Was für ein Film! Nackte Gewalt ist ein Abenteuer-Roadmovie-Western-Drama erster Güte. Vor der dramatisch-unberührten Kulisse der Rocky Mountains, umrahmt von unendlichen Wäldern, schroffen Felsen und wild-sprudelnden Gebirgsflüssen, rollt sich eine konzentrierte und bis ins Detail durchdachte Inszenierung ab, die auf völlige Effektivität setzt und den Zuschauer nicht von der Leine lässt. Hier ist jede Einstellung und jeder Satz auf das Voranbringen der Handlung gemünzt worden, Anthony Mann nimmt sein Publikum ernst und lässt erst gar keinen Raum für dramaturgischen Schnickschnack und anderen Albernheiten aufkommen, er hat seinen Film absolut und umfassend im Blick. Sollten Sie den Film schon kennen, dann sind das alles keine neuen Erkenntnisse für Sie. Sollten Sie allerdings den Film noch nicht kennen und auf der Suche nach einem außergewöhnlichen und sehenswerten Western sein, dann sind Sie hier genau richtig! Nackte Gewalt ist ein wahrer Klassiker des Genres und darf zurecht jede fundierte Westernsammlung zieren.
Das Bild der gesichteten Blu-ray ist sauber, satt und klar, der Ton ist gut. Als Extras gibt es Pete Smith Speciality Short Things We Can Do Without, das Classic Cartoon Little Johnny Jet, Trailer und ein Booklet mit einem Text von Fritz Göttler.
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