„SKANDAL!!!!“ pöbelten damals große Demonstranten-Gruppen gegen den Dreh von William Friedkins Thriller Cruising, in dem Al Pacino als Polizist Undercover gehen muss, um als Lockvogel einen Killer aus der homosexuellen SM-Szene in die Falle zu locken. Dabei kamen die Proteste aus den unterschiedlichsten Richtungen. Von führenden Köpfen aus der Schwulenbewegung, Menschenrechtsorganisationen oder schlichtweg Anwohnern, die die Filmcrew nicht in ihrer Umgebung (West Village, rund um die Christopher Street) haben wollten; ja selbst Al Pacino himself distanzierte sich phasenweise von dem Milieu-Thriller. PLAION PICTURES gönnte dem umstrittenen Klassiker jetzt eine tolle Auflage im Mediabook – mit haufenweise Extras im Gepäck.

Regie: William Friedkin
Darsteller: Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Joe Spinell, Don Scardino, Jay Acovone
Artikel von Christian Jürs
Umstrittene Filme gibt es seit Anbeginn des Kinos. Von Todd Brownings Freaks, über Showgirls, bis hin zu Human Centipede – irgendwer fühlte sich immer vor den Kopf gestoßen. Mein Highlight sind die wütenden Mamis, die im Jahr 1984 Sturm vor den Kinos liefen, als Stille Nacht – Horror Nacht startete, der einen Weihnachtsmann mit einer blutigen Axt auf dem Poster präsentierte. Das war den prüden Muttis damals einfach zu viel. Cruising hatte es auch nicht leicht. So recht mochte niemand den Film. Kritiker und Publikum waren sich damals einig, dass es sich hierbei um Schmutz handelte, weswegen die Nominierung von gleich drei Goldenen Himbeeren wenig überraschend war. Dass Cruising an der Kinokasse ebenfalls nur mäßig einschlug, dauerte es Jahre, ehe der Film als Zeitdokument die verdiente Anerkennung bekam.

Eine brutale Mordserie erschüttert New Yorks schwule SM-Szene. Der Mörder, der seine wehrlos auf dem Bett gefesselten Opfer ersticht, scheint aus der Szene zu stammen. Um ihm das Handwerk zu legen, beauftragt der örtliche Police-Captain Edelson (Paul Sorvino) den jungen Polizisten Steve Burns (Al Pacino), sich Undercover in die Schwulenszene einzunisten. Dort soll er als Lockvogel fungieren, da er äußerlich dem Typus der Opfer entspricht. Sehr zum Leidwesen seiner Freundin Nancy (Karen Allen) nimmt Steve den Job an, erhofft er sich doch auf diesem Weg, eine schnelle Beförderung zum Detective herausschlagen zu können. Doch die Welt, in die er sich begibt, ist ihm fremd. Zwar freundet er sich schnell mit seinem homosexuellen Nachbarn Ted (Don Scardino) an, doch dessen Freund Greg (James Remar) sieht dies gar nicht gern. Zudem muss Steve schnell herausfinden, dass seine Kollegen wenig zimperlich mit den Homosexuellen aus der SM-Szene umgehen. Zeitweise überlegt er sogar, dass Handtuch zu werfen und seinen Dienst zu quittieren. Doch dann eröffnet sich ihm eine neue Spur, die ihn näher an den Täter heranbringt.
Cruising ist ein höchst ungewöhnlicher Thriller, der weniger mit seiner Frage nach dem Mörder, dafür aber als Milieustudie und Zeitdokument punkten kann. Dabei ist der Blick auf den brutalen und diskriminierenden Umgang mit Homosexuellen seitens der Polizei schockierend und wichtig. Dazu sollte man wissen, dass Homosexualität zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in New York noch illegal war und unter Strafe stand. Erst im Dezember 1980, ein Dreivierteljahr nach der Uraufführung von Cruising, wurde Homosexualität dort legalisiert. Im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten war dies beinahe fortschrittlich. In Texas zum Beispiel wurde das Verbot erst im Jahr 2003 aufgehoben. Umso brisanter war die Tatsache, dass William Friedkin und seine Crew den Dreh teilweise vor Ort in echten Schwulenclubs absolvierte. Authentischer geht es nicht, zumal damals in genau der Gegend tatsächlich einige Morde in den Kreisen der homosexuellen SM-Szene begangen wurden.

Cruising war seiner Zeit damals weit voraus. So sehen wir zwar immer wieder den Killer in Aktion, so recht erkennen tun wir ihn aber nicht. Dies liegt daran, dass immer wieder andere Darsteller in diese Rolle schlüpften. Ein surreales Verwirrspiel, welches den Zuschauer entweder auf eine falsche Fährte schicken sollte oder dessen Bedeutung es ist, dass es sich um mehrere Mörder handeln könnte. Eine Antwort darauf muss sich der Zuschauer selbst erschließen. Das Ende lässt Raum für Spekulationen. Eine Entscheidung Friedkins, die durchaus spannend ist, man muss sich nur darauf einlassen.
Diesbezüglich sind die hervorragenden Darsteller enorm hilfreich. Allen voran natürlich Al Pacino, der hiernach erstmal eine harmlose Komödie mit dem Titel Daddy! Daddy! Fünf Nervensägen und ein Vater drehte, an die sich heute niemand mehr erinnern kann, bevor er mit Scarface nochmal Vollgas gab. Paul Sorvino (GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia) als sein Vorgesetzter und die stets wundervolle Karen Allen (Die Geister, die ich rief) hätte man ebenfalls kaum besser besetzen können. Doch auch in den Nebenrollen gibt es allerlei bekannte Gesichter zu entdecken wie etwa James Remar, Powers Boothe oder Joe Spinell, der noch im gleichen Jahr die Stadt als irrer Maniac unsicher machen sollte. Kurz sehen wir auch Ed O´Neill, der hier noch als Edward O´Neill gelistet wurde. Ein toller Cast.

Cruising spielte damals weltweit nicht mal 20 Millionen Dollar ein, was am heiklen Thema und den mauen Kritiken gelegen haben mag. Heute hat der Film einen deutlich angeseheneren Status, weswegen Ihr euch, sofern Interesse besteht, unbedingt diese Traum-Veröffentlichung aus dem Hause Plaion Pictures zulegen solltet. Die Bildqualität ist super, die Tonspuren klingen ebenfalls richtig gut (Deutsch und Englisch wahlweise in 2.0 Mono oder im 5.1 Upmix). Im Bonusbereich (Bonus-Disc ist vorhanden) befinden sich zwei Audiokommentare, Audio-Interviews, alternative Filmmusik, diverse Featurettes, entfallene Szenen, Interviews, Trailer, zensiertes Material und vieles mehr. Abgerundet wird das Mediabook mit einem 28-seitigen Booklet, verfasst von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, dessen Beiträge ich bereits vor Jahrzehnten in der Splatting Image lesen durfte.
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