Samstags-Klassiker Nr. 002: Die Folterkammer des Vampirs (1971) – Jean Rollin Collection Nummer 4 – Als ungekürztes Mediabook im Handel erhältlich

Rollin, Rollin, Rollin… nein, bei unserem heutigen Samstagsklassiker aus der Gruft des Medienhurenarchivs geht es nicht um die Clint Eastwood-Serie RAWHIDE, sondern um ein kleines Meisterwerk aus der “Jean Rollin Collection” von WICKED VISION. Wunderschön restauriert, mit deutscher Synchronisation und reichlich gefüllt mit spannendem Bonusmaterial, lässt die vor drei Jahren erschienene Sammleredition jedes Fanherz höher schlagen. Ich habe die Box damals vorgestellt und die Videobesprechung vom lieben Clemens aka PLAYZOCKER REVIEWS gegenübergestellt. Was der von dem Film hält? Nun, lest selbst…

Originaltitel: Requiem pour un vampire

Regie: Jean Rollin

Darsteller: Marie-Pierre Castel, Mireille Dargent, Philippe Gasté

Artikel von Christian Jürs

Sie sind Auto gefahren, haben gesessen, haben geredet, gevögelt, geredet, Klavier gespielt, sind gegangen, haben geredet, gevögelt, sind Auto gefahren…und dann war die Scheiße aus

Clemens Eisenberger, YouTube Kreischvogel

Ja, als ich noch so jung war wie der Zocki und keine Haare am Sack hatte, empfand ich den Film ganz ähnlich. Heute jedoch, wo die Haare sogar an Orten sprießen, wo sie keiner haben möchte (Rücken, Ohren, Nase, Arsch), sehe ich in Requiem pour un vampire eher ein kleines Meisterwerk. Dabei kommt die Inhaltsangabe des schreienden Österreichers eigentlich ganz gut hin. Hier meine Interpretation:

Die Folterkammer des Vampirs beginnt mit der Flucht dreier Bankräuber vor der Polizei. Eine wilde Verfolgungsjagd wurde hier auf Zelluloid gebannt. Naja, also in der Realität bedeutet dies, dass der Film mit der Aufnahme des Fluchtautos auf offener Landstraße beginnt. Aus dem zerbrochenen Heckfenster (wir hören das Splittern während der ersten Credits aus dem Off) schießt eine der Hauptdarstellerinnen auf das herannahende Polizeiauto. Schön und gut – aber wieso fährt der Fluchtwagenfahrer hier erst ganz offensichtlich los? Hat er eine Rast auf der Landstraße eingelegt? Seine Faulheit wird jedenfalls nach kurzem Peng, Peng, Brumm, Brumm (in herrlichem Zeitraffer) mit einer tödlichen Schussverletzung bestraft. Vielleicht hätte man auch nicht mit der ollsten Karre einen solchen Raub durchführen sollen. Netterweise fahren die Polizisten aber auch nur ein Auto vom Schrottplatz um die Ecke, welches nicht einmal ein Martinshorn besitzt (oder gar die Aufschrift „Polizei“). Fairness wird hier großgeschrieben.

Unsere beiden übriggebliebenen Räuberinnen, die sich todschick als Clown und Harlekin verkleidet haben, können entkommen, weil sie a) ungesehen in einen Waldweg abbiegen und sich b) ihr Abstand zu den Bullen von einer zur anderen Einstellung verzehnfacht hat (dafür ist es plötzlich auch bedeutend dunkler geworden). Irgendwo auf einem offenen Feld verbrennen die Beiden dann das Auto samt Fahrer und treten danach die Flucht zu Fuß weiter an. Besser kann man Spuren nicht verwischen. Von Dämmerung ist jetzt übrigens keine Spur mehr. Minutenlang wandern die Grazien durch die französische Einöde, ehe sie an einem Tümpel voller Entenflott die Schminke vom Gesicht waschen (igitt!).

In einer alten Ruine ziehen sie dann bequemere (und knappere) Klamotten an. Wo sie die her haben oder ob sie die drunter trugen, verschweigt uns der Film. Ihre neckischen Zöpfe stehen den jungen Dingern allerdings (Rrrrrrrrr). Da nach so viel Wanderung Nahrungsaufnahme an oberster Stelle steht, hecken die beiden eine unglaubliche List aus: Ein Kiosk, irgendwo im nirgendwo ist das Ziel. Die geile Blonde (mit dem verhurten Aussehen – Marie-Pierre Castel) lenkt den Büdchenbesitzer ab, indem sie ihn wortlos zum gemeinsamen Koitus in den Wald lockt (bedeutet kurzes Ruckel-Ruckel zwischen den Zecken), während die geile Brünette mit den großen Augen (jaaa…Augen…was denkt ihr denn, ihr Ferkel? – Mireille Dargent) den Laden plündert.

Nach der Nahrungsaufnahme geht’s dann per geklautem Motorrad weiter quer durch Frankreich abseits des Tourismus. Auf einem Friedhof geschieht dann ein Unglück. Die Brünette stolpert und fällt in ein offenes Grab (wem würde das nicht passieren?). Die herannahenden Totengräber übersehen das Mädel und buddeln das Loch fleißig zu. Fleißig? Nein, die sind genauso faul wie die Jungs, die in Ein Zombie hing am Glockenseil über Woody Allen sinnieren und brechen mittendrin einfach ab. Zwei Minuten Arbeit müssen reichen am Tag. Der Feierabend ist heilig. Blondie rettet dann unsere geschwächte, lebendig Begrabene. Danach ziehen die beiden die Clownskostüme wieder an. Wird halt kalt abends. Weiter geht die Flucht der zwei Grazien quer durch den Wald (der schon wieder taghell ist). Sie erreichen ein Schloss, welches mitnichten Sicherheit bietet. Denn hier hausen tief in der Gruft Vampire, die Orgel spielen und die schlechtesten Vampirzähne aller Zeiten tragen (und ich dachte, die von mir damals bei Dicktittige Vampire 11 – Wollust in Nachthemden genutzten Zähne sahen blöd aus!). Diese Blutsauger sind die letzten ihrer Art.

Der Obervampir hofft, mit den Mädels seine Blutlinie erhalten zu können, denn seine Tage sind gezählt. Doch die beiden denken gar nicht daran, ein ewiges Leben zu führen (ewig jung, wer will das schon?). Sie wollen lieber fliehen. Doch dies gestaltet sich als unmöglich, führen doch plötzlich alle Wege zurück zum Schloss. Tricktechnisch übrigens eine weitere Meisterleistung Rollins. Mädels laufen in den Wald – Schnitt – Mädels kommen beim Schloss an. Mädchen laufen in eine andere Richtung – Schnitt – sie kommen wieder beim Schloss an. Unglaublich gut gemacht. Zwischendurch wird, der Zocki hat es bereits erwähnt, immer mal wieder – Ruckel, Ruckel – gepimpert und auch ausgepeitscht – wir befinden uns ja auch in der Folterkammer des Vampirs…

Jean Rollin ist nicht jedermanns Sache. Wer hier harte Exploitation erwartet, ist definitiv fehl am Platze. Seine Filme haben, bei allem Dilettantismus etwas wunderschön märchenhaftes an sich. So schwelgt Requiem pour un vampire, der nicht nur bei uns unter einem reißerischen Titel veröffentlicht wurde (man kennt ihn auch als Caged Virgins, Dungeon of Terror oder Sex Vampires) in wunderschönen Bildern, die oft ohne Sprache auskommen. Ja, Rollin ist kein Mann großer Worte. In der ersten Hälfte wird beinahe gar nicht gesprochen. Alles wirkt wie ein Traum, fernab der Realität. Ja, Die Folterkammer des Vampirs würde ich ganz klar als meinen Favoriten aus Rollins Filmographie bezeichnen. Eine Empfehlung kann ich aber nur mit Vorsicht aussprechen.

Interessierten kann ich aber definitiv die Mediabooks von Wicked Vision empfehlen. Diese sind seit drei Jahren in zwei wunderhübschen Covervarianten jeweils auf 666 Stück limitiert erschienen (ich bevorzuge übrigens Cover B). Die Ausstattung ist gewohnt üppig ausgefallen. So liegt der Hauptfilm, abgetastet vom Original Kameranegativ, in französischer, englischer und erstmals auch in deutscher Sprachfassung vor. Hierfür wurde ein ganz tolle Retrosynchronisation erstellt. Untertitel in deutscher und englischer Variante gibt’s noch obendrauf. Außerdem gibt es schön bebildertes Booklet von Pelle FelschLa Poésie Phantastique“, welches sich definitiv zu lesen lohnt. Eine Einleitung und einen Audiokommentar des 2010 verstorbenen „Meisters“ gibt es obendrauf. Ebenfalls enthalten sind Interviews mit den Darstellern Louise Dhour und Paul Bisciglia, ein deutscher-, englischer-, französischer- sowie der US-Trailer. Alternative Szenen, eine Bildergalerie und die Featurettes „The Shiver for a Requiem“ und „Das letzte Buch“ runden das Bild ab. Tonnenweise liebevoll zusammengestelltes Bonusmaterial also, welches sowohl auf DVD, als auch auf BluRay enthalten ist.

Die Folterkammer des Vampirs ist ein Klassiker des sonderbaren Films in superber Bild- und Tonqualität. Liebhaber kommen an dieser Veröffentlichung nicht vorbei. Wer Jean Rollin noch nicht kennt, darf gerne auch zugreifen, sollte sich aber auf Kino der gänzlich anderen Art einstellen. Wildes Gefoltere und Gemorde gibt’s bei Joe D´Amato, nicht bei Rollin. Ich liebe diesen Film. Wie steht´s mit Euch?

Nach einem erneuten Besuch in der Folterkammer ließ sich Zocki übrigens doch noch sanft stimmen:

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