Nach dem großen Erfolg ihrer Black Cinema Collection schickte Wicked Vision die Sammelreihe um Klassiker und verkannte Perlen des Blaxploitationkinos in die zweite Runde. Zehn weitere Filme stehen auf dem Plan, von denen COTTON COMES TO HARLEM (1970) den Auftakt bildete. Als Nachzügler und somit #12 der Gesamtreihe veröffentlichte das Liebhaberlabel den Gefängnisstreifen RIOT – AUSBRUCH DER VERDAMMTEN (1969), der mit Football-Legende und Genrestar Jim Brown, sowie dem späteren Oscar-Preisträger Gene Hackman zwei absolute Schwergewichte vor der Kamera vereint. Wir durften die schicke Collector’s Edition unter die Lupe nehmen und verraten euch, ob sich der Streifen lohnt.

Originaltitel: Riot

Alt. deutscher Titel: Ausbruch der Verdammten

Drehbuch: James Poe; nach dem gleichnamigen Roman von Frank Elli

Regie: Buzz Kulik

Darsteller: Jim Brown, Gene Hackman, Mike Kellin, Clifford David, Gerald S. O’Loughlin, Ben Carruthers…

Artikel von Christopher Feldmann

Im Mai 2023 verstarb Jim Brown im Alter von 87 Jahren. Der US-amerikanische Sportler gilt als einer der besten Spieler in der Geschichte des American Football und war auch einer der ersten, die sich dem damals noch allgegenwärtigen Rassismus in den Vereinigten Staaten entgegenstellten, was nur aufgrund Browns großer Leistungen im Sport gesellschaftlich akzeptiert und geduldet wurde. Weniger ergiebig war seine Filmkarriere, die zwar einige sehenswerte Filme beinhaltet, allerdings bekleidete Brown in diesen nur Nebenrollen wie etwa in DAS DRECKIGE DUTZEND (1967), EISSTATION ZEBRA (1968) oder das Arnold-Schwarzenegger-Vehikel RUNNING MAN (1987). Ab den späten 1960er Jahren wurden Brown ein paar Hauptrollen zuteil, hauptsächlich in B-Filmen und Blaxploitationreißern wie dem bereits hier besprochenem SLAUGHTER (1972). Seinen ersten Einsatz als Leading-Man und das sogar noch namentlich vor seinem Co-Star Gene Hackman hatte die Sportlegende 1969 in RIOT – AUSBRUCH DER VERDAMMTEN, der auf dem gleichnamigen Roman von Frank Elli basiert, der einen sich in Wirklichkeit ereigneten Aufstand in einem Gefängnis in Arizona nacherzählt. Anders als man es vermutlich erwarten würde, handelt es sich bei dem von Gimmick-Meister William Castle produzierten Streifen nicht um einen reißerischen B-Film, sondern um ein dialoglastiges Gefängnisdrama, das sich vor allem auf seine politischen und gesellschaftlichen Aussagen konzentriert.

Handlung:

Im Staatsgefängnis von Arizona kommt es zum Gefangenenaufstand. Die Häftlinge, darunter Cully Briston (Jim Brown), verschanzen sich mit mehreren gefangen genommenen Wärtern in dem Gebäude. Anführer Red Freker (Gene Hackman) stellt mehrere Forderungen, die erfüllt werden müssen, bevor man die Geiseln wieder freilässt. Doch diese Forderungen dienen nur zur Ablenkung. Während die Polizei das Gebäude umstellt, graben die Häftlinge bereits einen Fluchttunnel …

Ich muss zugeben, als ich die Blu-ray des Films in den heimischen Player legte und die Starttaste drückte, erwartete ich einen klassischen Gefängnisthriller im Stil des zehn Jahre später veröffentlichten Don-Siegel-Films FLUCHT AUS ALCATRAZ (1979), in dem seiner Zeit Clint Eastwood für einen höchst spannenden und unterhaltsamen Ausbruch aus dem wohl bekanntesten Knast der USA sorgte. AUSBRUCH DER VEDAMMTEN verspricht zu Beginn schon einmal viel, wenn der Titel in knallig roter Schrift eingeblendet und der Knastalltag zu den melancholischen Klängen von Bill Medleys 100 Years gezeigt wird. Auch die Tatsache, dass durch Hauptdarsteller Jim Brown und der Veröffentlichung in der Sammlerreihe von Wicked Vision ein Blaxploitation-Vibe mitschwingt, ließ auf ein kurzweiliges und auch angenehm reißerisches B-Movie hoffen. Ich sollte aber eines besseren belehrt werden.

Das soll nun nicht bedeuten, dass mich RIOT enttäuscht hätte, viel mehr sollte man sich bewusst sein, hier nicht den klassischen Escape-from-Prison-Flick angeboten zu bekommen, sondern einen Film, der sein Sujet nutzt, um durchaus wichtige Themen anzusprechen. Gleich in der ersten Szene sehen wir, wie der von Brown gespielte „Cully“ von einem Wärter fälschlicherweise des Ungehorsams und der Beleidigung bezichtigt wird, was schließlich in den Ausbruch der Mitinsassen mündet, die von nun an mit Geiseln ein Gebäude belagern und ihre Flucht planen. Immer wieder kommt es dann zu Dialogen, in denen Facetten des Plans von Anführer „Red“ diskutiert und die Zustände im Gefängnis kritisch beleuchtet werden. Dabei ist besonders interessant, dass es sich bei den verurteilten Straftätern nicht um skrupellose Verbrecher handelt, die ohne mit der Wimper zu zucken Geiseln opfern, sondern um durchaus differenziert und moralisch bis zu einem gewissen Grad integre Männer handelt, die auch einen Verletzen ziehen lassen, nachdem sie ihm und dem Sanitäter das Versprechen abnehmen, sie nicht zu verpfeifen. So viel „anspruchsvolle“ Szenen hätte ich dem Film auf den ersten Blick nicht zugetraut. Eine wahrliche Überraschung. Zwar kredenzt der Film auch eine Anflug von Sleaze, etwa wenn „Cully“ sich in den Trakt begibt, in dem homosexuelle und Transvestiten untergebracht sind, allerdings hinterlässt die Inszenierung dieser fast schon vorhöllenartigen Szene einen etwas faden Beisgeschmack.

Besonders interessant wird es, wenn die Kriminellen den mit Schusswaffen ausgestatteten Wärtern versichern, dass es sich hier nicht um einen Ausbruch handelt, sondern um einen Aufstand, um die Lebensbedingungen innerhalb der Gefängnismauern mit Nachdruck verbessern. Dies soll als Ablenkungsmanöver dienen, um heimlich die Flucht vorzubereiten. Hier versuchen sie das System konsequent auszuspielen, was dem Ganzen eine weitere politische Relevanz verleiht. Der Fokus auf diese Themen schmälert allerdings etwas den Unterhaltungswert, wünscht man sich doch immer wieder, dass RIOT sich seinen Genrewurzeln bewusst wird und etwas mehr auf die Tube drückt, denn gerade der Mittelteil besteht größtenteils aus Dialogen zwischen Jim Brown und Gene Hackman, die allerdings beide einen wirklich guten Job machen und den Film tragen. Allerdings scheint sich das Drehbuch uneinig gewesen zu sein, ob Hackmans Figur nun ein ehrenwerter Freiheitskämpfer soll, der sich oft grüblerisch gibt, oder doch ein hinterlistiger Betrüger. Mit etwas über 90 Minuten Laufzeit fühlt sich der Film allerdings etwas länger an und gestaltet sich stellenweise zäh. Gut guckbar ist er zwar trotzdem geraten, jedoch langsam und bedacht erzählt, das Tempo fehlt.

Inszenatorisch ist das Ganze sehr schön geraten. Regisseur Buzz Kulik, der sich besonders durch TV-Arbeiten profilieren konnte, erzeugt eine authentische, stellenweise fiebrige Atmosphäre, was dadurch begünstigt wird, dass der Film vollständig im und um das Staatsgefängnis in Arizona gedreht wurde und auch echte Gefangene zum Einsatz kamen. Auch der damals amtierende Gefängnisdirektor agierte als Darsteller. Gemessen an einem Film dieser Güteklasse, ist RIOT ein durchaus realistisches Stück Kino, das das System „Gefängnis“ sehr gut einfängt. Die Filmmusik steuerte übrigens der Pole Krzysztof Komeda bei, der zuvor ROSEMARY’S BABY (1968) vertonte und bereits 1969 verstarb. Der hier vorliegende Film war seine letzte Arbeit.

Die Blu-ray der Collector’s Edition aus dem Hause Wicked Vision präsentiert den Film als weltweite HD-Premiere. Die Bildqualität ist wie vom Label gewohnt erstklassig und punktet mit einer detailreichen Schärfe und satten Farben, der DTS-HD-2.0-Ton ist gut abgemischt und klingt ebenso gut. In den Extras finden sich ein Audiointerview mit Romanautor Frank Elli, ein Audiokommentar von Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese, sowie Radio-Spots zu weiteren Titel der Black Cinema Collection, eine Bildergalerie und eine Trailershow. Das 40-seitige Booklet stammt von Christoph N. Kellerbach. Wie gewohnt sind die Discs im für das Label üblichen Scanavo-Case erschienen.

Fazit:

RIOT – AUSBRUCH DER VERDAMMTEN (1969) ist kein klassischer Gefängnisreißer nach Blaxploitation-Standards, sondern ein recht ambitioniertes, stellenweise nachdenkliches Drama, das mit guten Schauspielern und einer authentischen Atmosphäre aufwartet. Zwar fehlt es dem Ganzen etwas an Tempo und den Elementen des damaligen Unterhaltungskinos, sehenswert ist der Film für Fans des Genres allerdings allemal.

Da wir bei YouTube keinen adäquaten Trailer gefunden haben, hier die Opening-Credits mit dem Theme-Song von Bill Medley, der euch in die richtige Stimmung versetzt.

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